Herr K. – ein stiller Held

Mein Freund K. hat keine Ahnung davon, dass er heute Großes vollbracht hat. Wobei sein nicht zu unterschätzender Beitrag darin bestand, mich um seelische Unterstützung während seines Dienstes beim verkaufsoffenen Sonntag zu bitten. Weil ich auch Bedarf an seelischer Unterstützung bezüglich der Produkte habe, die Herrn K.s Firma vertreibt, habe ich freudig zugesagt. Das Studium der Wetter-App ergab, dass die Regenneigung stetig abnehmen sollte, also schwang ich mich auf eines meiner Fahrräder. So konnte ich auch eine weitere Variante meines neuen Arbeitsweges testen. Bis zur Stadtgrenze von Ludwigsburg kam ich noch problemlos voran. Die Landstraße nach Kornwestheim ist eine der typischen Alleen mit historischem Baumbestand. Wunderschön anzusehen, aber im Herbst bei Nässe ist der Radweg nebendran ganz schön tückisch. Laub, Kastanien mit und ohne Schale und was sonst noch von einem Baum fallen kann ergeben einen schmierig-holprigen Belag. Und zwischen den Gemarkungen Ludwigsburg und Kornwestheim haben die Schwaben offenbar die Zuständigkeit für die Kehrwoche noch nicht final ausgeschnapst. Am Ortseingang Kornwestheim heißt es erst einmal: Fahrbahn wechseln, von links nach rechts. Nach Drücken von allerlei Ampelknöpfen und geduldigem Warten gelingt mir das nahezu fehlerfrei. Die Verantwortlichen hier in der Region trauen es den Auto Fahrenden nicht zu, selbst auf zu Fuß Gehende oder Rad Fahrende zu achten. Deshalb haben meistens alle Rot, und reihum schaltet ein Signal nach dem anderen auf Grün: erst für Autos geradeaus, dann Autos nach links, dann Autos von quer, dann Autos quer, die abbiegen usw. Als Radfahrer hat man manchmal ein eigenes Signal, manchmal richtet man sich nach der KFZ-, manchmal nach der Fußgängerampel, je nachdem, ob man lieber von Autos abgeschossen oder von Fußgängern verprügelt werden möchte. Kein Wunder also, dass die Autofahrer verlernt haben, beim rechts Abbiegen auf Radfahrer zu achten. Ich durfte das heute am eigenen Leib erfahren. Am Ende der steilen Abfahrt rollte ich flott auf die Kreuzung zu und sah zu meiner Freude eine dezidierte Radfahrerampel, die gerade auf Grün sprang. Dummerweise war ich noch gut zehn Meter entfernt und bis ich ankam, schaltete auch die Autoampel um. Das Auto davor fuhr los. Dass kein Blinker gesetzt war, konnte mich nicht täuschen, aber alle Anzeichen des Anfahrvorgangs deuteten auf die Absicht, geradeaus zu fahren. Gefühlt mitten in der Kreuzung zog die Schnepfe, denn um eine solche handelte es sich (für eine Renate war sie zu jung), scharf nach rechts. Ich bremste schulmäßig mit beiden Händen, aber der rote Belag, mit dem die Behörden den Radstreifen markieren, damit man die Radler besser trifft, war noch nicht trocken, das Hinterrad rutschte weg und ich legte mich auf die Seite. Der Helm bewahrte meinen Hinterkopf vor Schlimmerem, ein Kratzer am Ellbogen und ein blauer Fleck auf der Hüfte (vorhin unter der Dusche begutachtet) waren die einzigen körperlichen Folgen. Sowohl die Schnepfe als auch ich waren tüchtig erschrocken, blieben aber einigermaßen zivilisiert. Die Schnepfe erkundigte sich besorgt nach meinem Zustand. Ich inspizierte erst das Rad, dann meine Knochen und gab vorläufig Entwarnung, herrschte sie aber an, sie solle gefälligst blinken und schauen, bevor sie abbiegt. Erst beim weiter Fahren sah ich die Polizei, die an der nächsten Kreuzung Verkehrsunterricht für Radfahrer abhielt… Ich sah sie aber nur unscharf. Ich nahm die Brille ab, die schien aber sauber. Ich fuhr erneut los, sah immer noch nichts und beschloss, die Brille gründlich zu putzen. Beim rechten Glas ging das ganz gut, auf dem linken konnte ich kein Stück Schmutz erkennen. Was in erster Linie daran lag, dass das linke Brillenglas fassungslos auf der Fahrbahn lag. Nachdem ein Auto um Zentimeter daran vorbei gefahren war, konnte ich es retten und wieder einsetzen.

So weit, so schlecht. Wo kommt jetzt die Heldentat des Herrn K. in’s Spiel? Ganz einfach: Ich dachte mir, wenn ich die Schnepfe jetzt verprügle, wie sie das verdient hat, gibt das Stress und ich schaffe es nicht mehr zum verkaufsoffenen Sonntag und der gegenseitigen Seelsorge mit Herrn K. Falls jetzt noch ein Oberschlauer fragt, von welchem verkaufsoffenen Sonntag ich dauernd rede: der wurde dank ver.di abgesagt. Ich erfuhr das, als ich vor dem Sonntags verkaufsgeschlossenen Heute-Nicht-Einkaufszentrum stand und K. telefonisch um Aufklärung bat. Das tat K.’s Heldenmut nicht etwa Abbruch, im Gegenteil: K. ist wohl der erste Held des 21. Jahrhunderts, der eine hold errötende Maid errettet, während er zu Hause auf dem Sofa lümmelt!

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Über Günter

Manager und Triathlet
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