Heute schon gefuschlt?

Nach über 40 Jahren war ich wieder einmal am und im Fuschlsee. Anlass dazu war das Fuschlseecrossing, eine Schwimmveranstaltung, von der ich so viel tolle Fotos und Berichte gesehen habe, dass ich dort unbedingt hin musste. So viel vorab: es hat sich gelohnt, und wie!

Wie so oft habe ich die Geographie bei meiner Wettkampfplanung erfolgreich verdrängt. Zwischen Ludwigsburg und Fuschl hat irgendein Nasenbär München und die A8 gelegt, das wurde mir bei der Anreise schmerzhaft bewusst. Die freundliche Aufnahme im Hotel Post in Hof bei Salzburg hob meine Stimmung wieder. Der Wirt wollte gleich wissen, ob ich zum Schwimmen hier sei, was er ganz toll fand. Als Hotelgast hatte ich freien Eintritt in das Hofer Seebad, von dem aus am Samstag gestartet wurde. Das schaute ich mir gleich einmal an. Dank Teleobjektiv sieht das Ziel in Fuschl, am anderen Ende des Sees, recht nahe aus. Für einmal hin und zurück reichte die Zeit nicht. (Ein ander Mal vielleicht. Im Winter. Mit Schlittschuhen.)

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So schwamm ich nur die 600 Meter zum Schlosshotel. Die Trübsal von fünf Stunden im Auto war nach den ersten Schwimmzügen vergessen. Herrliches Wasser mit rund 20°, nicht ganz klar, aber angeblich Trinkwasserqualität. Am langen Badesteg entlang, von dem aus Mütter ihren Nachwuchs wässerten, vorbei an der Badeinsel, auf der sich die fesche Salzburger Landjugend im Balzen übte, im weiten Bogen um ein Anglerboot herum schwamm ich gemütlich zum Schlosshotel Fuschl, in dem ich als Kind Tür an Tür mit dem Festspieldirigenten Seiji Ozawa gehaust hatte. Dummerweise hatte die Direktion den Dirigenten nicht über die neue Nachbarschaft informiert, und so stand ich, nur von meiner kleinen Schwester beschützt, unverhofft einem erregten Asiaten gegenüber, der nur mit einem Handtuch um die Hüfte aus der Verbindungstür geschossen kam, grimassierend und gestikulierend, und das ungefähr fünf Jahre vor Erfindung von Bruce Lee. Das Hotelpersonal warf sich todesmutig zwischen uns und klärte die Situation. Zum Abschied bekamen meine Schwester und ich noch je ein Autogramm.

Wer Seiji Ozawa nicht kennt, kennt aber mit Sicherheit das Schloss Fuschl. Das hat nämlich in den Sissi-Filmen seligen Angedenkens das Schloss Possenhofen doubeln dürfen.

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Mit diesen und anderen Erinnerungen im Kopf schwamm ich zurück . Trotz meiner lockigen Brustbehaarung hatte ich auf der Badeinsel kein Glück, wahrscheinlich, weil ich die Landessprache nur unzureichend beherrsche. Ich hätte doch meine Schwester mitnehmen sollen, die ist wenigstens im benachbarten Tirol geboren.

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Zurück im Hotel hatte ich dummerweise keinen Appetit auf einheimische Küche, sondern Heißhunger auf Pizza. Eine Pizzeria hatte ich unterwegs gesehen, zu der ging ich jetzt hin, entlang der sonderbar viel befahrenen Dorfstraße. Die Straße am südlichen Ufer des Fuschlsees verbindet nicht wirklich zwei besondere Orte. An ihren Enden und zu beiden Seiten gibt es nichts außer schöner Gegend, davon aber jede Menge und vom Feinsten. Nur schade, dass so eine viel befahrene Straße mitten durch geht…

Etwas abseits der Straße sah ich dieses Haus mit seiner überwältigenden Blumenpracht. Und ich sah auch den Gärtner, der das alles mit der Gießkanne bewässerte.

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Die Pizza war dann leider nicht so der Brüller.

Am Samstagmorgen beim Frühstück traf ich zwei weitere Schwimmer vom Exathlon aus München. Wir quatschten fröhlich und stärkten uns für den Tag. Danach fuhren wir zum Wettkampfbereich am anderen Seeende.

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Wir checkten ein, suchten uns ein schattiges Plätzchen und konnten schon mal vom Ziel aus den Start in 4,2 Kilometer Entfernung anvisieren.

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Zwischendrin war noch genug Zeit, um ein bisschen zu schwimmen. Ich beäugte das Zielgelände vom Wasser aus und versuchte, mir die wesentlichen Landmarken einzuprägen.

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Nach der Wettkampfbesprechung wurden erst die Starter über 2,1 Kilometer mit Booten zu ihrem Ausgangspunkt gefahren. Kurz darauf stiegen wir gut 200 Leute in die Reisebusse, die uns zu unserem Startplatz brachten. Auf der Badewiese war es für kurze Zeit ziemlich eng – wir hatten die Besucherzahl ungefähr verdoppelt. Ein angenehmes Vorstartprickeln lag in der Luft. Einige wenige konnten gar nicht schnell genug in den Neo kommen, andere warteten mit der Prozedur bis zum letzten Moment. In der halben Stunde vor dem Start hat jeder seine eigenen Marotten. Ich beobachtete Dehn- und Aufwärmübungen aller Art und unterschiedliche Anzieh-Strategien. Meine eigene Marotte besteht übrigens darin, wildfemde Menschen mit launigen Sprüchen vollzulabern.

Pünktlich um 2 schickte uns der Starter auf die Strecke. Ich fühlte mich nach meiner Schwimmwoche in der Altmühl gut vorbereitet und fand einen Rhythmus, den ich gut über die Strecke bringen wollte. Beim Start hatte ich mich weit links aufgestellt, wo sehr wenig los war. Nach 500 Metern fand ich ein Grüppchen im passenden Tempo und hängte mich an ein Paar augenscheinlich saubere Füße. Zu meine Schreck zeigten plötzlich die Zehen in die falsche Richtung – wollte der Besitzer den Rest auf dem Rücken zurücklegen? Ich fragte, ob alles in Ordnung sei, er hatte aber nur Wasser in der Brille und schwamm gleich wieder weiter, mit mir hintendrein. Nach ein, zwei Minuten zog ich vorbei, ließ die Kollegen Zentimeter für Zentimeter hinter mir und schwamm wieder alleine. Langsam näherte ich mich von links dem Hauptfeld. Ab und zu nutzte ich ein paar Züge lang einen Wasserschatten, meist schwamm ich aber allein vor mich hin. Die Orientierung klappte ganz gut, fand ich. Ich hatte mir eine markante Landschaftsformation gemerkt, auf die ich zuhielt. Im Lauf der Strecke musste ich nur darauf achten, wie sich die Perspektive änderte. Nach gut zwei Kilometern befand ich mich unerwartet in der Gesellschaft von sonderbar entspannten Badegästen. Trotz meiner Navigationskünste war ich ein gutes Stück nach rechts abgedriftet und schwamm in Ufernähe am Strandbad vorbei. Die GPS-Auswertung zeigt, dass ich statt einer Geraden eine schöne Banane geschwommen bin, was sich dann in 160 zusätzlichen Metern niederschlug, die ich zurücklegte. In mehreren kleinen Haken näherte ich mich wieder dem Feld, diesmal von rechts. Immerhin waren mindestens zwei Leute noch weiter rechts unterwegs.

Wie üblich zog sich die Strecke mit zunehmender Dauer in die Länge. Ich habe meine Uhr so eingestellt, dass sie alle 500 Meter vibriert. Das waren zwar zuverlässig immer unter 10 Minuten, die kamen mir aber immer länger vor. Aus meiner bescheidenen Erfahrung weiß ich immerhin, dass vier, fünf Kilometer irgendwann irgendwie überraschend vorbei sind. Nur der dritte Kilometer hat das nie kapiert. Leider war ich zu ehrgeizig, um die fantastische Landschaft richtig genießen zu können. Bei strahlendem Sonnenschein schwammen wir unter einem dunkelblauen Himmel durch die Kitschpostkartenidylle des Salzburger Landes. Ein Schwimmurlaub in dieser Gegend steht schon im Pflichtprogramm!

Auf dem letzten Kilometer hatte ich noch die Kraft, ein paar Leute zu überholen. Auch die Zwischenzeiten auf diesem Teilstück waren ganz in Ordnung. Glücklich und mit breitem Grinsen kam ich nach 1:19h auf die Füße und ins Ziel, halbwegs zwischen meinen Münchener Frühstücksfreunden. Ich war schon geduscht und umgezogen, als die Rettungspaddler die letzte Schwimmerin in das Ziel begleiteten.

AN DIESER STELLE MEINEN HERZLICHEN DANK AN ALLE HELFER!

Die Organisatoren bewiesen an dieser Stelle Pragmatismus und Feingefühl: sie eröffneten vorzeitig das Finisherbuffet. Und das hatte es in sich. Saulecker und üppig! Leider konnte ich mich nicht so vollfressen, wie ich das gern getan hätte, der Heimweg stand an und ich machte mich recht bald vom Acker. Aber ich komme wieder!

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3 Antworten zu Heute schon gefuschlt?

  1. Lutz Prauser schreibt:

    Hätte mich auch enorm gereizt. Aber ich kann mich nicht zerreißen und hatte wohl eine ebenso gute Alternative am Wochenende.
    Irgendwann packen wir’s schon noch und schwimmen nen Stück zusammen.
    Toll und sehr atmosphärisch, Dein Bericht.

    • modoufall schreibt:

      Die Kollegen im Hotel haben mir ein paar Veranstaltungen im Großraum München ans Herz gelegt. Wahrscheinlich schaue ich 2017 bei der einen oder anderen vorbei.

  2. Pingback: Paalewufrongßää? | Modou Fall

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