Die Altmühl runter

Nach Regen und Naab habe ich seit einem Jahr die Altmühl in der Planung gehabt, nach dem Motto: je akribischer die Planung, desto eklatanter die Fehler in der Ausführung. Mit dem Kanuführer habe ich mögliche Etappen vermessen und Übernachtungsmöglichkeiten gesucht. Alleine die Anschaffung der Campingausrüstung war ein größeres Unterfangen. Ein Teil des verwegenen Plans war nämlich, mit zwei Schwimmsäcken nicht nur die Klamotten für die Woche, sondern auch Zelt, Matte und Schlafsack zu mitzuschleppen. Zu Pfingsten habe ich noch mit netter Begleitung die Altmühl abgeradelt und beschlossen, in Dollnstein einzusteigen. Zu meiner Überraschung willigten die Kinder im letzten Moment ein, mich zu begleiten. Und weil der Große schon Auto fahren darf, packten wir die Zeltausrüstung nicht in einen Chillswimsack, sondern in die Dachbox des Golf. Statt minimalistisch zelteten wir gediegen, schließlich nimmt das Gepäck immer den gesamten zur Verfügung stehenden Raum ein (- und dann steht noch ein Trumm neben dem Auto).

Tag 1 – Anreise

Wir kamen am späten Nachmittag in Dollnstein an und fanden mit einiger Mühe auch den Campingplatz, der sich zunächst hinter einem Haus versteckt, wenn man ihn gefunden hat, aber schön groß und gut ausgestattet ist. Wir stellten unsere zwei Hundehütten auf und ich testete schon mal das Wasser. 19,5° C maß mein Thermometer, gerade recht für einen Feierabendschwumm. Für die längeren Etappen an den nächsten Tagen zog ich dann aber den Neoprenanzug an. Kalt kann ich nur kurz. Ansonsten entsprach die Altmühl meinen Erwartungen: gerade tief genug zum Schwimmen (aber bei weitem nicht überall) und eine knappe Armlänge Sichtweite. Wir weihten den Campingkocher ein und legten uns zur Ruhe.

Tag 2: von Dollnstein nach Eichstätt

Der erste Tag hielt die längste Strecke parat, weil es zwischen der Bubenrother Mühle und Eichstätt keinen weiteren Campingplatz gibt. Entsprechend früh stand ich auf, schob kräftig Müsli ein und machte mich flussfein. Henri packte mich in meinen Neo, schoss das letzte „vorher“-Foto, ich verabschiedete mich von den Kanuten und schwamm los. Trotz kräftiger Strömung kam ich in den ersten sieben Minuten keinen Meter voran – ich hatte die GPS-Funktion der Uhr ausgeschaltet! Dafür betrieb sie auf der nächsten Etappe heiteres Satellitenraten und erfand ein paar zusätzliche Schleifen durch den Wald. Am Wehr bei der Bubenrother Mühle hatte sie sich wieder gefangen.

Überwiegend ist die Altmühl recht angenehm zu schwimmen. Allerdings hatte ich bis zum Schluss immer wieder Flachstellen zu meistern. Ich entwickelte und verfeinerte im Lauf der Tage eine eigene Technik, mit der ich über die seegrasbedeckten Sandbänke glitt. Nur selten musste ich waten. Dafür wurde ich mit einer wunderschönen Landschaft belohnt. Die Altmühl schlängelt sich völlig natürlich durch ihr Tal. Die Ufer sind oft bewaldet, man schwimmt praktisch durch einen lichten Hain. Oft begleiteten mich Schwäne, während die Enten meist davon flogen.

In Obereichstätt wollte ich eigentlich zu Mittag essen. Laut Karte sollte es dort zwei Wirtshäuser geben. Ich zog mich komplett an und wanderte den halben Kilometer vom Ausstieg zum Ort. Das erste Wirtshaus war schnell gefunden, ein großes Schild wies es als zum Verkauf stehend aus. Das nächste Cafe war ausweislich eines kleineren Schildes wegen Sommers geschlossen. Auf Nachfrage bestätigte mir ein Anwohner, dass die kulinarischen Möglichkeiten im weiten Umkreis hiermit erschöpft waren. Missmutig setzte ich mich auf eine Bank und holte mein Käsebrot aus dem Sack. Zum Essen kam ich aber zunächst auch jetzt nicht. Das Dorforiginal hatte wohl schon auf der Lauer gelegen und laberte mich mit launig gemeinten Sprüchen zu: ob ich ein Rheinländer sei, weil ich vom Land rein käme, und ähnliche Weisheiten. Dabei stand er taktisch so geschickt schräg hinter mir, dass ich ihm kaum entkommen konnte. Schließlich erklärte er, er müsse jetzt heim, sein Geld zählen; leider habe er keines… Ich aß meine Semmel und spülte mit etwas Iso nach. Kurz darauf war der schelmische Kollege mit Geldzählen fertig und frug mich, ob ich Rheinländer sei…

Ein Blick in Alf Lechners Werkstatt verhinderte die totale Depression. Ich packte mein Geraffel unter den Arm und spazierte wieder Richtung Altmühl. Die Bewegung nach dem Essen, wie karg es auch war, brachte die Verdauung in Gang. Normalerweise ist das ja gewünscht. Außer, man hat keinen Zugang zu einer Toilette. Unglaublich, mit wie wenig Essen man wie viel scheißen müssen kann! Öffentliche Bauten gab es nicht in Obereichstätt und an einer Haustür klingeln habe ich mich nicht getraut. Eigentlich wollte ich ein Plätzchen im Wald hinter der Bushaltestelle suchen, aber die Haltestelle war der belebteste Platz im Ort; vermutlich, weil alle dort weg wollen. Unter der Altmühlbrücke legte ich schließlich mein Überraschungsei. Falls jemals Wikinger dort vorbei kommen, um die Brücke abzufackeln, sollten sie dort vorsichtig sein.

Nach Obereichstätt folgten mehrer kurze Etappen zwischen Wehren, bevor ich schließlich mitten durch Eichstätt schwamm. Am Campingplatz warteten schon Amy und Henri mit aufgebauten Zelten und vorgeheiztem Kocher.

Hier die Etappen auf Garmin Connect:

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5

Tag 3: von Eichstätt nach Gungolding

Der Platz in Eichstätt ist ziemlich karg, eine Zeltwiese mit Sanitärcontainern (Klopapier bitte selbst mitbringen). Da wir den Komfort mit PKW nebst Fahrer hatten, beschlossen wir, unser Basislager für den Rest der Woche in Kipfenberg aufzuschlagen und Henri fuhr mich von dort aus hin und her. Ich startete wieder reichlich früh. Die ersten Kilometer waren ziemlich flach, ich durfte teilweise wandern. Hinter Eichstätt kam ich dann besser voran. Die Etappen an diesem zweiten Schwimmtag waren recht angenehm: 7-5-4 Kilometer. Am ersten Ausstieg in Inching traf ich drei junge Burschen auf einem Floß. Leider hatten die ihre vier Kisten Bier schon ausgetrunken. Das Cafe hatte noch nicht auf, so dass ich wieder auf meine Käsesemmel zurückgreifen musste. Auf der nächsten Etappe hatte ich Begleitung von einer Schülergruppe in Schlauchbooten. Geduldig erklärte ich bei jedem einzelnen Boot, was ich hier triebe und wozu der oraschene Sack gut sei. Dafür schossen die Jungs ein paar Fotos von mir. Beim Bauer in Rieshofen fand ich endlich einen Biergarten nach meinem Geschmack. Dass die jungen Mäderln in der Küche rumalberten, gab mir die Muße zu einer erholsamen Pause. Und weil in einem Dorf mit Viehhaltung immer irgendwer was zu tun hat, fand ich auch einen Helfer für den Neo. In Gungolding war ich kaum aus dem Wasser, da kam auch schon Henri um die Kurve und fuhr mich zum Campingplatz nach Kipfenberg. Die Kanuten, die wir vom Vortag kannten und die nicht wussten, dass ich 9 km im Auto gefahren war, staunten nicht schlecht bei meinem Anblick! Zum Ausgleich ging ich am Nachmittag noch Baden.

Teil 1
Teil 2
Teil 3

Tag 4: von Gungolding nach Kipfenberg

Unsere Zelte ließen wir die nächsten drei Tage auf dem Kipfenberger Campingplatz. Weil eine kurze Etappe anstand, durften Henri und ich ausschlafen (Amy sowieso), bevor er mich wieder nach Gungolding brachte. An diesem Tag schaltete meine Kamera unaufgefordert den Weichzeichner in Form von Beschlag innen auf der Linse an, deshalb gibt es nur wenig Fotos. Dafür traf ich die Jungs auf ihrem Floß wieder. Die kamen zwar nur langsam voran, waren aber etliche Stunden länger unterwegs als ich, so dass wir uns drei Tage lang begegneten. Abends hatten wir noch netten Besuch, mit dem wir in die Pizzeria gingen.

Teil 1

Tag 5: von Kipfenberg nach Kratzmühle

Heute war mein Mini-Einwandzelt mal von beiden Seiten nass. Bisher nur von innen. Das Teil hat zwar spektakuläre technische Daten bei Packmaß und Gewicht, dafür kann man am Morgen mehrere Liter Kondenswasser von der Zeltwand wischen. In dieser Nacht hatte es heftig geschüttet und die Nässe war überall. Die Holländer taten ein Übriges, um den Platz zu versauen. Immer am Nachmittag kam mindestens einer an, versuchte, seinen Wohnwagen rückwärts einzuparken, gab nach drei Versuchen auf und parkte dann längs. Auf matschiger Wiese hinterlässt das echt Eindruck! Dafür kam er dann anderntags in aller Frühe recht einfach wieder raus. Was holländische Camper sonst so machen, ist mir ein Rätsel.

Ich nutzte eine Regenpause, um meiner Motivation in den Hintern zu treten und schwamm los – immerhin war das Wasser drei Grad wärmer als die Luft. Kurz nach der halben Strecke kam ich nach Kinding, wo ich in der Krone gepflegt einkehrte. Wegen des schlechten Wetters rechnete ich mit wenig Passanten, darum zog ich mich noch im Wirtshaus um und ließ mich von der Bedienung in den Anzug schließen. Das war zwar nicht nötig, weil am Einstieg lebhaftes Treiben herrschte, aber man muss auch mal im Gummianzug durch’s Dorf laufen, nur so zur Show! Am Ziel bei der Kratzmühle habe ich mich zu früh umgezogen: gleich nebendran liegt ein herrlicher Badesee, den ich eigentlich hätte mitnehmen können.

Teil 1
Teil 2

Tag 6: von Kratzmühle nach Töging

Dann kam auch schon der letzte Tag.  Henri kutschierte mich im Morgennebel zur Kratzmühle. Dass Samstag war, sah man sofort an den vielen Freizeitpaddlern, die dort zu Wasser gingen. Ich gab ihnen einen fairen Vorsprung und machte mich an die Verfolgung. In Kottingwörth holte ich sie wieder ein (als sie dort Rast machten). Ich ließ mir in der Sonne einen Waller munden, bevor ich zur letzten Etappe aufbrach. Leider war es über Mittag bewölkt und meine Badehose war noch eklig nasskalt. Der Händetrockner der Sonne brachte sie wieder auf Betriebstemperatur. Dummerweise blickte ich bei der Gelegenheit in den Spiegel und bemerkte den typischen Freiwassersonnenbrand auf der Nasenspitze – sehr dekorativ! Auf der Wiese neben dem Biergarten zwängte ich mich ein letztes Mal in meine Gummipelle. Die Damen am ersten Tisch durften sich darum schlagen, wer die verschließen durfte. Außer den erwähnten Damen hatten noch folgende Personen diese Ehre: Henri (mehrfach), ein Servicetechniker für Melkanlagen, ein Kanute, eine Bedienung, ein Servicetechniker für Abwasseranlagen und eine Düsseldorfer Camperin.

Kurz hinter Töging mündet die Altmühl in den Main-Donau-Kanal. Für mich war hier Schluss – Zeit für das „nachher“-Foto. Meine bewährten Supporter lasen mich im Biergarten des Schlosswirts auf und brachten mich nach Hause. EIN HOCH AUF MEINE SUPPORTER! DANKE FÜR DIE UNTERSTÜTZUNG!

Ich bin in fünf Tagen rund 69 km geschwommen. Die meisten davon habe ich genossen. Selbst an die Flachstellen habe ich mich gewöhnt, habe sie zuletzt nicht als Hindernis, sondern als Herausforderung begriffen. Der (für mich) hohe Umfang hat mir gut getan, glaube ich. Zumindest kam es mir so vor, als wäre mein Zug im Lauf der Woche effektiver geworden. Diese Form muss ich jetzt noch über die nächsten Wochen retten. Ende August will ich im Fuschlsee schwimmen, dann in Strasbourg und zum Saisonabschluss in Mettlach.

Teil 1
Teil 2

Advertisements

Über Günter

Manager und Triathlet
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die Altmühl runter

  1. Çilem schreibt:

    Vielen Dank für deine schönen Eindrücke! Die Altmühl ist sehr schön, da sind wir auch schon mit dem Kajak gepaddelt…nur kein Plan wo genau😅 War da noch etwa “ kleiner“ ^^

  2. Siggi schreibt:

    Bravo, du bist mein Held, mein Respekt, Siggi vom Jetter

  3. Pingback: Heute schon gefuschlt? | Modou Fall

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s