Mit dem Rad am Arsch vorbei

Am 8. Februar wollte ich online mein Gewerbe anmelden. Im ansonsten recht hübschen Baden-Württemberg gibt es dafür ein Online-Portal. Irgendwas mit „Service“. Mit Betonung auf „Irgendwas“, wie ich inzwischen weiß. Bei der Online-Anmeldung darf man sich einen alleinigen Ansprechpartner aussuchen, ich wählte das Landratsamt Ludwigsburg, füllte alle Pflichtfelder brav aus und schickte ab. Jetzt, wo ich drüber schreibe, fällt mir auf, dass da zwar auf möglicherweise anfallende Kosten hingewiesen wurde, aber von „Jetzt kostenpflichtig bestellen“ stand da kein Wort. Fünf Wochen späterr mahnt meine Krankenkasse die ausstehende Gewerbeanmeldung an, ohne die ich nicht mehr erkranken dürfe (meine Frau darf das ohnehin nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte). Meine Recherche im Profil auf dem sogenannten Serviceportal ergibt die Fehlermeldung, der Server sei nicht erreichbar. Eine Mail an die Kontaktadresse beantwortet ein gewisser Thilo zunächst mit dem Hinweis, ich solle doch online nachgucken, und mit der Frage, wann ich wo was angemeldet hätte. Da ich mir abgewöhnt habe, das Internet auszudrucken, konnte ich ihm nur ungefähr mitteilen, wann das gewesen sein müsste (kurz danach habe ich das .pdf des Antrags doch auf meinem Rechner gefunden, aber das tut nichts zur Sache). Seither hüllt sich das Portal, oder zumindest Thilo, in Schweigen. Mir wurde das übers Wochenende zu blöd und ich beschloss, analog beim Landratsamt vorbei zu dackeln. Eine erste Erkundung ergab ziemlich drollige Öffnungszeiten:

LRA.JPG

Heute früh bin ich also hingeradelt. Vor dem Eingang standen mehrere Fahrräder im Ständer, alle ordentlich abgeschlossen. Ein/e Radler/in wollte anscheinend schnell wieder weg, der Schlüssel steckte noch im Schloss:

Rad.jpg

Den Besitzer kann  man ja auf mehrere Arten ärgern: Man kann das Rad klauen. Oder nur das Schloss. Oder nur den Schlüssel. Keine Variante ist für das Opfer wirklich lustig. Ich knipste vorsichtshalber das Gefährt und fragte die Dame an der Info, ob das Rad vielleicht einer/m Kollege/in gehöre. Die Tante schaute mich verständnislos an und motzte, sie kümmere sich nicht um Räder vorm Haus. Ich erklärte ihr das Problem mit dem steckenden Schlüssel und schlug vor, doch vielleicht einen Hinweis ins Intranet zu stellen. Damit hatte ich ihren Vorrat an geistigem Ablenkungsvermögen vollends aufgebraucht, sie glotzte mich nur noch verständnislos an. Mir blieb nichts übrig, als mein eigentliches Anliegen vorzutragen, die Anmeldung eines Gewerbes als frei schaffender Buchhalter. Da war die radlose Dame glücklich, da war sie in ihrem Element, darauf hatte sie eine Antwort: Do missedse aufs Radhaus, mir moche do no Gosdgewerbe. Oder so ähnlich.

Auf dem Rathaus hatte ich mehr Glück und das nicht nur bei der Optik der Sachbearbeiterin. Die Dame half mir beim Ausfüllen, brachte drei Stempel an, kopierte das Ding und nahm dafür 26 Euro. Das ganze dauerte rund 10 Minuten. Ich hoffe, der oder die Rad Fahrende am Landratsamt hatte genau so viel Glück.

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2 Antworten zu Mit dem Rad am Arsch vorbei

  1. Lutz Prauser schreibt:

    Eine weitere Option wäre gewesen, das Rad abzuschließen, den Schlüssel an der Info abzugeben und am Rad einen entsprechenden Hinweis anzubringen. Das hätte dann die Dame am Empfang vermutlich komplett überfordert, wenn man sie um einen kleinen Zettel, einen Stift und ein Stückchen Tesafilm gebeten hätte 🙂
    Und den Besitzer auch, wenn er nicht passed zu den Öffnungszeiten des LRA zurückgekommen wäre.

    Wann immer ich irgendwo die blumige Formulierung von der freundlichen Dame am Empfang bzw. dem Infocounter lese, lache ich kurz und hart und denke mir „wo lebt der, der das schreibt“.

    Das alles ist Deutschland.

  2. Pingback: Mit dem Arsch am Rad vorbei | Modou Fall

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