Heiß mit blonden Schauern – Bericht vom Socialman 2

Pünktlich um 5:30 drückte der Bürgermeister die Starttröte. Wir 50 Socialman-Starter hatten uns im hüfttiefen Wasser in zwei Reihen sortiert, von denen die erste sofort sportlich-ambitioniert losprügelte. Wir in der zweiten Reihe ließen uns auch nicht lumpen und knüppelten hinterher. Ich hatte erst mal jemand schräg neben mir, der mir umso näher kam, je mehr ich auswich. Nach hundert Metern hatte sich das Feld jedoch schon gut sortiert und ich hätte lässig auf Autopilot schalten können – wenn da nicht meine geliebte Panikattacke gekommen wäre. Nach sechs Jahren Erfahrung kann ich sagen, dass mich die ungefähr bei jedem dritten Wettkampf packt. Die ersten Male hatte ich das noch ernst genommen und mich auf den bevorstehenden Tod durch Ertrinken vorbereitet. Inzwischen weiß ich, dass diese Anfälle reine Kopfsache sind und kann damit umgehen. Ich nahm etwas Tempo raus und atmete bewusst bei jedem Zug tief aus. Nach geschätzten zwei Minuten war der Spuk vorbei und ich ging in Ausdauermodus. In diesem Zustand schwimme ich entspannt vor mich hin und denke ab und zu mal an meine schlimmsten Fehler. Zum Beispiel wackle ich mit den Hüften wie ein Latin Lover beim Cha-Cha. Auf dem Parkett ernte ich mit dieser Nummer bewundernde Blicke, aber im Wasser ist es halt kontraproduktiv. Also denke ich alle 5 Minuten dran und schwimme daraufhin 10 Meter fast geradeaus. Ein anderer Fehler, der mir in Münster heftige Schmerzen beschert hat, ist die einseitige Drehung nach rechts, wo ich atme. Dagegen setzte ich das Mantra ein, dass mir eine australische Schwimmerin und Swimtrek-guide 2009 beigebracht hat: Reach – Roll – Relax.

Inzwischen hatte ich ein gutes Reisetempo drauf und schloss nach 500 Metern zu einem Grüppchen auf, wo ich mich eine Weile an ein Paar Füße hängte. Voriges Jahr hatte ich erstmals an 5k-Schwimmwettbewerben teilgenommen und war beim Pacing noch recht unsicher gewesen. Diesmal hatte ich ein gutes Gefühl, dass ich ein für meine Verhältnisse ambitioniertes Tempo auch über die Distanz bringen konnte. Navigationstechnisch hatte ich wieder mal eine eigene Vorstellung von der richtigen Richtung. Ich driftete permanent nach rechts und korrigierte dann wieder nach links. In Summe kam ich zwar ziemlich gerade zum anderen Ufer, aber durch die dauernden Schlenker hatte ich am Ende 200 Meter mehr auf der Uhr als Axel. Einstweilen schwamm ich aber ruhig dahin. Nach dem ersten Kilometer ließ die Konzentration, oder war es die Meditation, kurz nach. Ich hielt in kurzen Abständen an, um mich zu orientieren, um an der Brille zu zuppeln oder sonst was Unproduktives zu tun. Barsch rief ich mich zur Ordnung und ging wieder auf Kurs. Reach – Roll – Relax. Dabei genoss ich die grandiose Natur um mich herum. Zwischen üppigem Grün sah ich am Ufer schroffe Felswände, die im oberen Drittel schon von der aufgehenden Sonne angestrahlt wurden. Der See lag derweil noch im Schatten einer Bergkette in unserem Rücken. Alle paar Minuten schaute ich kurz nach hinten und sah, wie über dem Kamm erst ein schmaler heller Streifen erschien, der immer breiter wurde, bis schließlich die aufgehende Sonne alles überstrahlte. Nach hinten konnte ich nicht mehr schauen, dafür hatte ich ein herrliches Spektakel direkt neben mir. Die Sonne leuchtete von hinten durch die Wassertropfen, die ich mit meinem Arm hochriss und ich schwamm durch ein funkelndes Diamantfeuerwerk. Über diesem Schauspiel hatte ich bereits die halbe Strecke hinter mir und fühlte mich immer noch prächtig. Die Mitschwimmer und die Begleiter mit ihren Kajaks oder Paddleboards waren weit über den See verteilt. Ich war so euphorisch unterwegs, dass ich nach einer Ausrede suchte, um nochmal umzukehren und von vorn anzufangen. Aber ich hatte ein Ziel vor Augen und Staffelkollegen, denen ich was von 1:40 bis 1:50 erzählt hatte. Reach – Roll – Relax. Zum siebten Mal piepste meine Uhr und zeigte damit die 3,5 km an. Voller Übermut erhöhte ich die Schlagzahl. 1.500 Meter schienen mir angemessen, um den Endspurt anzusetzen. Bei Kilometer 4,5 meinten meine Schultern, das sei nun doch etwas arg ehrgeizig, aber mit der Aussicht auf baldige Ankunft konnte ich sie überreden, das Tempo zu halten. Die Sonne stand inzwischen so hoch, dass ihre Strahlen schräg nach vorn ins Wasser tauchende Lichtbänder zauberten. Das Strandbad kam in Sicht. Ich hielt ein letztes Mal inne, um nach dem Ausstieg zu sehen und hielt darauf zu. Die Stufen waren ziemlich hoch, aber die Helfer waren zur Stelle und hievten mich in die Senkrechte und die Treppe hinauf. Normalerweise lobe ich die Helfer, wenn ich über die Einfahrt in T2 berichte, aber bei einer Staffel ist alles ein bisschen anders. Deshalb an dieser Stelle EIN DREIFACH HOCH AUF ALLE HELFER BEIM SOCIALMAN! Oben stand schon Mark mit meinen Badelatschen, die er mir übergab und auf die Radstrecke peste. Dann sah ich auf die Uhr. Und weckte die letzten Langschläfer des Bundeslandes mit einem Jubelschrei. 1 Stunde 33 Minuten, weit schneller, als meine kühnsten Erwartungen!

Sarah und Matthias brachten mich zu meinem Auto. Ich zog mich um und wir gingen gemeinsam zum zweiten Frühstück. Als das Adranalin allmählich runterging merkte ich, dass ich doch ein bissl was getan hatte. Kaffee und Käichl brachten mich wieder in Form. Dann hatte ich den ersten Blondflash des Tages: die schöne Straßenkarte (aus Papier, in der Buchhandlung (!) extra für diese Gelegenheit gekauft), in die ich mit rotem Filzer die Radstrecke gemalt hatte, war unauffindbar! Mark hatte uns zwar versichert, er brauche keinen Support und wolle an der Tanke Wasser kaufen, aber wir wollten ihn trotzdem unterwegs zumindest mal anfeuern. In der Pacenote war die Strecke über etliche Seiten verteilt. Zum Glück hatte der Veranstalter GPS-Tracking von Durtytracking gebucht. Das funzt zwar auf dem iPhone gar nicht, aber meine jugendlichen Kollegen hatten Telephone dabei, auf denen wir Marks Weg gut verfolgen konnten. Wir  beschlossen, von Abtenau aus entgegen der Rennrichtung zur Postalm zu fahren, wo die Radler nach einem der vielen anstrengenden Anstiege durchkommen sollten. Bis Abtenau ging alles klar. Danach schlug die Situation in Slapstick um. Ich war ja fein raus. Normalerweise bin ich es, der in einer eindeutigen Situation den einzig falschen Weg einschlägt. Diesmal fuhren Sarah und Matthias voraus und ich hinterher. Nachdem wir einen komplexen pas de quatre um einen Milchlaster herum aufgeführt hatten, wurde die Straße immer schmaler. Wenn das die Rennstrecke war und die Radler von oben runter kamen, dann würde das gewaltig eng werden! Nach einigen Kilometern bog das Auto meiner Freunde in einen Waldweg ein. Nach den ersten „Radfahren verboten“-Schildern kamen mir Zweifel. Aber ich bschloss, so lange einfach hinterher zu fahren, wie die beiden unbeirrt voraus fuhren. Immer enger und kurviger wurde der Weg, bis wir schließlich die rettende Straße vor uns erblickten. Nur leider: 10 Meter vor der Einmündung versperrte eine abgeschlossene Schranke den Weg. Wir blickten uns alle drei ziemlich bedröppelt an. Dann wendeten wir mühsam auf dem engen Waldweg und fuhren zurück.  Ich habe bis heute nicht gefragt, wer in diesem Auto navigiert hat und welche Diskussionen geführt wurden. Und ich will es auch nicht wissen. Ich schließe aber nicht aus, dass hier um die Blondhaarperücke mit Eichenlaub und Schwertern gekämpft wurde 😉 A propos blond: Weil Sarah blond ist und ich mir vorgenommen hatte, mich anständig zu benehmen, hatte ich am Vorabend vorsichtshalber Juristenwitze erzählt. Juristen sind ja die letzte Bevölkerungsgruppe, über die man ungestraft Witze reißen kann: alle anderen freuts und sie selber müssen so tun, als hätten sie Humor, weil sie andernfalls dem Witzklischee entsprechen – eine klassische Win-win Situation für alle Nichtjuristen! Dummerweise hatte mir keiner gesagt, dass Sarah Jura studiert… Immerhin kenne ich jetzt eine sympathische blonde Juristin.

Für die Postalm waren wir jetzt viel zu spät dran, darum lauerten wir Mark in Abtenau auf. Die Durtytracking-Seite zeigte uns recht zuverlässig, wann er käme. Er war inzwischen über drei Stunden unterwegs und hatte die halbe Strecke absolviert. Unser Wasser lehnte er dankend ab, er hatte inzwischen an der Tankstelle seine Flasche aufgefüllt. Wir feuerten ihn begeistert an und fuhren weiter zu T2. Vor uns erhob sich der Alpenhauptkamm in seiner ganzen Pracht. In meinem klimatisierten Auto schlackert ich mit den Ohren beim Gedanken an all die Social(wo)men, die bei dieser Affenhitze mit dem Rad da rauf mussten. Selbst mit dem Auto war der abschließende Anstieg nach Rauris eindrucksvoll. Wir hatten noch genug Zeit, um in Ruhe Mittag zu essen. Dann fuhren wir zur Wechselzone und machten uns hübsch für den letzten Teil. Davon demnächst mehr.

Advertisements

Über Günter

Manager und Triathlet
Dieser Beitrag wurde unter Triathlon abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s