Wenn ich groß bin, will ich blond werden – Bericht vom Socialman

Heute mach ich mal Spaßverderber und liefere die Auflösung ganz zu Anfang: Eines der vielen Phänomene beim Socialman Extremtriathlon waren die auffällig vielen blonden Frauen. Beziehungsweise die vielen auffällig blonden Frauen. Oder soll ich sagen: die vielen auffälligen blonden Frauen? In Österreich jedenfalls gehen Höchstleistung und blondes Haar gut zusammen. Aber auch Höchstleistung und jede andere Haarfarbe. Bei den Männern ist das traditionell schwieriger zu beurteilen, weil ja viele Triathleten oben ohne starten. Mit Ausnahme von Carlos Adrena, der Leistung und Lässigkeit mit langen hellblonden Haaren kombiniert. Und wenn wir schon bei den Haarspaltereien sind: Mein Teamkollege Mark hat angemerkt, dass er eine kognitive Dissonanz erlebt, wenn eine Veranstaltung im Geiste von Gemeinschaft und Inklusion die sportliche Latte dermaßen hoch legt, dass nur Extremspinner sich zu so was anmelden. Mein Gegenargument dazu war, dass die Öffentlichkeitswirkung bei einer solchen Veranstaltung halt viel größer ist, als wenn man ein Sportfest mit Rollstuhlschubsen organisiert. Womit wir bei der nächsten spannenden Frage wären: was hatte ich eigentlich dort zu suchen? Als Klippschulpsychologe führe ich hier meine visuelle Stimulierbarkeit (bestes Beispiel: meine ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit für die Farbe blond (ist das eigentlich eine Farbe, oder nicht doch ein Bewusstseinszustand?))ins Feld. Wenn ich schöne Fotos von einer Veranstaltung sehe, melde ich mich spontan an und schaue hinterher, wo das eigentlich ist. Ich bin in facebook (wer’s nicht kennt, bitte selber googeln; wer nicht googeln kann… hat nix verpasst) über diese Veranstaltung gestolpert, habe die Fotos von 2014 gesehen und sofort beschlossen: da muss ich hin. Dass ich dort nicht als Einzelstarter antreten würde, war klar. Ich habe in meinem Leben, d.h. nach meinem 50., zwei Langdistanzen absolviert und erkannt, dass das nichts für mich ist. Der Socialman ist praktisch eine verschärfte Langdistanz. Das beginnt schon beim Schwimmen: 5000 Meter ohne Notausgang. Die Radstrecke geht über 185 km und etliche Pässe, hat über 3000 Höhenmeter und solch Scherze wie 3 km am Stück mit knapp 20% Steigung aufzuweisen. Der abschließende Lauf ist mit 25 km zwar relativ kurz, dafür geht er auf das Hochtor beim Großglockner. Ich zitiere von einem englischen Triathlonportal: Why is the run so short? – Look at the profile, it’s swim-bike-crawl! Ein Einzelstart kam also nicht in Frage. Aber da ich schon mal freiwillig 5 km geschwommen bin und um das zwiespältige Verhältnis vieler Triathleten zu dieser Teildisziplin weiß, war ich mir sicher, dass ich einen Platz als Staffelschwimmer finden würde. Nach einigen Wochen kam die Rückfrage vom Veranstalter, ob ich auch den zweiten Teil der Laufstrecke übernehmen könne, nämlich den Part, den ein Rollstuhlfahrer beim besten Willen nicht mehr schafft. Klar doch, antwortete ich und war in einer von acht (glaube ich) Special-Staffeln gebucht. Danach schaute ich mir die Ausschreibung noch mal genauer an. Und stellte sofort mein Lauftraining um. Allein die Ausrüstungsliste für die Läufer füllt eine halbe Seite im Race Manual. Aber mit Ausrüstung kenne ich mich ja aus. Als erstes kaufte ich mir ein Paar Laufschuhe; Schuhe kann man ja schließlich nie genug haben, oder? Dann testete ich mehrere Rucksackmodelle. Am Ende besorgte ich mir das High-End Modell von Salomon, das einzige, mit dem ich die vorgeschriebene Ausrüstung ohne Druckstellen und ohne Gewackel transportieren konnte.

Parallel dazu nahm ich Kontakt zu meinen Staffelkollegen auf und begann die Planung. Mark Capek sollte radeln und Matthias Wastian den ersten Teil der Laufstrecke absolvieren. Da der Socialman quer durch Österreich führt und man vom Start zum Ziel mit dem Auto mehrere Stunden fährt, mussten wir die Logistik so organisieren, dass  am Ende wieder jeder sein Auto hat. Mit ein bisschen Kniffelei ließ sich das darstellen. Wir buchten die Unterkünfte und bereiteten uns vor. Bei mir hieß das, in die abendliche Laufstrecke ein Maximum an Höhenmetern einzubauen und auch mal in Kilo mehr in den Rucksack zu packen, als ich im Wettkampf mitnehmen musste.

Letzten Freitag wurde es ernst. Ich packte Schwimm- und Laufklamotten ins Auto und fuhr über Salzburg nach Bischofshofen. Dort traf ich Mark und wir fuhren mit einem Auto weiter zum Grundlsee, wo Matthias uns bereits eingecheckt hatte. Matthias hatte auch seine blonde Freundin dabei, die uns unterstützen würde. Nach einigem Hickhack bekamen wir dann auch das vierte Bett in unser Doppelzimmer, zogen uns das Race-Briefing rein und gingen zur Pastaparty. Josef Köberl lud noch zum Vollmondschwimmen ein, aber angesichts der Weckzeit um 3:55 kniff ich hier. Stattdessen genehmigten wir uns noch einen Absacker an der Bar und unterhielten uns über manche Feinheiten des Rollstuhlsports. Ich lernte, wie man aus einem Rollstuhl heraus ans obere Regal oder an die höheren Geräte im Fitnesstudio kommt. Und angesichts Matthias‘ Oberarmen erübrigte sich die Frage, ob man mit einem Handbike gegenüber einem Fahrrad im Nachteil sei.

Die Nacht war dann ziemlich spontan rum – 3:55 habe ich bereits erwähnt. Im Frühstücksraum war schon gut Betrieb und auch auf dem Parkplatz wieselte alles durcheinander. Die Veranstalter verstauten Kajaks, Paddleboards und Videodrohnen; die Teilnehmer massierten Fahrräder und anderes Material. Gegen fünf Uhr fuhren wir rüber zum Start. Auch dort herrschte bereits munteres Treiben. Für die Statistik: es gab 25 Einzelstarter und eben so viele Staffeln. Selbst unter Beücksichtigung der Supporter war es also eine höchst familiäre Veranstaltung. Ich zwurbelte mich in meinen Neo und schwamm eine kleine Runde im mollig warmen Wasser. Absolut fazinierend: man sah rund zwei Meter weit und da waren richtige, lebendige Fische! Nach einigen Kilometern im Neckar und dem Tauchkurs in Plittersdorf war das für mich eine Sensation… Auch auf der Schwimmstrecke waren Specialstarter unterwegs: Yakut Dogan, ein Vereinskamerad von unserem Matthias, ist querschnittsgelähmt und Klaus Wallner beinamputiert. Gemeinsam mit den anderen 48 Startschwimmern gingen diese beiden kurz vor 1/2 6 ins Wasser und freuten sich auf einen ganz besonderen Wettkampf.

Fortsetzung folgt.

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Über Günter

Manager und Triathlet
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