Erkundung der Naab

Einige Wochen lang war ich tüchtig sportlich gewesen, habe auch tüchtig eingekauft. Der dritte Laufrucksack passt jetzt tatsächlich perfekt, es ist auch kein Rucksack, sondern die S-Lab sense irgendwas Laufweste von Salomon. Mit der habe ich schon einige Trainingsläufe absolviert, sehr zum Erstaunen der anderen Jogger, denen ich begegnet bin. Die ganze Ausrüstung, die ich für den Socialman mitschleppen muss, passt gerade so hinein. Das ist auch gut so. Wenn ich die größere Weste gekauft hätte, hätte ich die mit Sicherheit auch vollgepackt. Das Training, zum Teil mit extra Ballast, macht sich anscheinend bemerkbar. Ich komme inzwischen die drei Treppen am Hungerberg laufend hoch und kann oben auch weiterlaufen; vielleicht habe ich aber auch nur das ideale Tempo für die Treppen gefunden…

Da also das Socialmantraining gut läuft und auch die Hauptversammlungseinladung termingerechet veröffentlicht ist, konnte ich ruhigen Gewissens ein paar Tage frei nehmen, um die Naab zu erkunden. Die Naab möchte ich im August hinabschwimmen. Mit Kanuführer und Google Earth habe ich mir schon ein Bild davon gemacht, weiß aber nicht sicher, ab wo das Flüsschen schwimmbar ist. Deshalb die Besichtigung vom Radweg aus. Samstag früh lud ich meinen Sohn (der schon im Herbst leichtsinnig zugesagt hatte), zwei Räder und Gepäck für alle Lebenslagen ins Auto. Zusammen mit dem Regengebiet fuhren wir nach Oberwildenau. Der Regen zog weiter, wir blieben. Dank dem Fahrradträger auf der Anhängerkupplung waren die Räder erstaunlich sauber und trocken. Wir gingen erst mal ins Stehcafe, um die wichtigsten Sachen zu erledigen. Leider war das Stehcafe nicht gebührend auf mich vorbereitet. Wenn ich, nach 25 Jahren im Exil, in meine alte Heimat zurückkehre, spreche ich spontan die Sprache meiner Kindheit (oder was ich als verbildeter Städter dafür halte). Die Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin konnte allerdings mit meiner Frage nach dem „Heisl“ gar nichts anfangen. Offenbar war der Betrieb ISO-zertifiziert und dieser Prozess in dieser Abwandlung nicht beschrieben. In Annäherung an das Schriftdeutsche (frei nach El Abadalya: „Ich rede mit meinen Kindern nach der Schrift“) reformulierte ich meine Frage unter Verwendung des Begriffs „Klosett“. Damit konnte das Moidl was anfangen. Ja, es gebe ein Klosett. Aber da dürfe ich nicht hinein, das sei dem Personal vorbehalten. Gedanklich formulierte ich eine Kombination aus ISO 9000 und einem Fäkalausdruck. Zu unserem Glück gab es hinter dem Bahnhof, der wegen Renovierung geschlossen war (wozu auch immer, Züge halten dort nur auf Anforderung), ein lauschiges Gebüsch, in das wir abschlugen.

Wir nagelten das Gepäck an die Räder und fuhren erst mal zum Fluss. Die Naab sieht am Bootseinstieg eigentlich gut schwimmbar aus. Wissen werde ich das aber erst, wenn ich hineinsteige. Zum Ausprobieren war es mir einfach zu kalt, das muss warten bis August. Durch das trübe Wasser kann man nicht erkennen, wie tief der Fluss ist und ob er vielleicht total mit Wasserpflanzen zugewuchert ist. Ich machte ein Foto und wir radelten los. In zwei Etappen fuhren wir am Samstag die 45 Kilometer bis Schwandorf. Dieser Teil ist nicht besonders attraktiv, man hört fast ständig den Verkehrslärm von der nahen Autobahn. Über weite Strecken fährt man an der Bahnlinie entlang, die zum Glück kaum befahren ist. Einmal kamen wir an eine geschlossene Schranke, die auf Knopfdruck für uns geöffnet wurde. Zwischendurch fuhren wir auch mal durch Waldstücke, in denen die Vögel nach dem Regen ein Konzert für uns zwitscherten.

Eine Stunde nach Schließung des Fremdenverkehrsbüros kamen wir in Schwandorf an. Das erste Haus am Platze hatte Betriebsurlaub, wohl um dem Rummel in den Pfingstferien zu entgehen. Wir kamen schließlich direkt am Fluss unter, in einem lauschigen Hotel aus den Siebzigern. Wer Nostalgie nach farngrauen Flachspülklosetts verspürt, ist dort bestens aufgehoben. Abgesehen vom Stil der Sanitärinstallation ist das Baier aber durchaus in Ordnung.

Sonntag früh ging’s weiter. Erst war es noch hurtig frisch, aber langsam setzte sich die Sonne durch. Kurz hinter Kallmünz machten wir Rast beim Birnthaler in Krachenhausen. Nach einer kleinen Stärkung fühlte ich mich mutig genug, um das Wasser jetzt doch ernsthaft anzutesten. Die Temperaturmessung verschob ich vorsichtshalber auf nachher. Mit Badehose, Schwimmbrille und Fotoapparat bewaffnet schwamm ich bis in die Mitte des hier schon stattlichen Flusses, wo ich einige Kanuten erschreckte. Die anschließende Messung zeigte gut 16°, was mir plausibel schien.

Mein Sohn hielt wacker durch, aber hiner Etterzhausen war eine größere Rast vonnöten. Ich ergriff die Gelegenheit und ging nochmal schwimmen. Mit einem kleinen Hindernis. Die Badehose war nirgends zu finden! Die hatte ich beim Birnthaler liegen lassen! Ich sah mir das Ufer genauer an. Zwischen dem – am Sonntag viel befahrenen – Radweg und dem Fluss wuchs dichtes, hohes Gestrüpp. Alle ca. 50 Meter gab es einen schmalen Pfad für Angler. Also Handtuch um die Hüfte, Brille und Kamera gepackt und ab in die Büsche. Eine gelbe Lilie sollte mir den Ausstieg weisen. Dank meiner Gschamigkeit war ich ohne viel Umstände flott im kühlen Wasser und kraulte los. Zu meinem Erstaunen gewöhnte ich mich schnell an die Temperatur und schwamm rund 150 Meter flussaufwärts, bevor ich wendete und nach meiner Lilie suchte. Ein Ausstieg an der falschen Stelle wäre jetzt ausgesprochen lustig geworden. Lebhaft konnte ich mir die Durchsage auf Bayern 3 vorstellen: „In beiden Fahrtrichtungen Behinderungen durch Gaffer“. Kurz vor der Lilie begegnete ich wieder ein paar Kanuten. Dezent ließ ich die Körpermitte absinken und beantwortete höflich ihre Fragen. Kurz darauf fand ich unter der Lilie auch mein Handtuch wieder. Die Ameisen, die es sich darin gemütlich gemacht hatten, fanden das gar nicht lustig und bissen mich kräftig in den Hintern, was wiederum ich nicht amüsant fand. So gefühlsecht wollte ich das auch nicht haben!

Am frühen Nachmittag erreichten wir den Regensburger Bahnhof mit perfektem Timing. Wir lösten in aller Ruhe unsere Tickets am Automaten und legten in 90 Minuten die Strecke von zwei Tagen rückwärts zurück.

Was habe ich jetzt für mein Naab-Projekt gelernt? Erstens: für den schlammigen, mit Ästen und Steinen gespickten Grund habe ich mir heute ein Paar Schwimmschuhe besorgt. Zweitens habe ich immer noch keine Ahnung, ob man im Oberlauf schwimmen kann. Das wird Versuch und Irrtum. Die ersten Tage bin ich alleine unterwegs, da ist das nicht so tragisch. Ich werde den Pegel Schwandorf im Auge behalten, der steht aktuell bei rund einem Meter. Wenn es im Juli und August nicht regnet, kann ich den Oberlauf wohl abschreiben. Am Wochenende, an dem ich auf Mitschwimmer hoffe, nehmen wir dann einfach einen Abschnitt weiter unten. Ab der Vilsmündung dürfte es keine Probleme mehr geben.

Aber schee is scho:

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Über Günter

Manager und Triathlet
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2 Antworten zu Erkundung der Naab

  1. Jerzy schreibt:

    Letzten Sonntag (07.06.15) bin ich von Regensburg aus die Naab, Vils und dann die Pegnitz mit dem Rad hochgefahren. Schöne Strecke aber ich habe keine Lust verspürt, schwimmen zu gehen. Na ja, unsere Hobbies sind halt ein bisschen anders gelagert. Trotzdem verfolge ich mit Staunen, wie du so viel Gefallen am Wasser hast, 🙂

  2. Pingback: Alles relativ in der Naab | Modou Fall

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