Eine Glaubensfrage

Für Glaubensfragen hab ich zwar noch einen blog, aber ich glaub mal, das ist hier besser aufgehoben. Die gute Nachricht zuerst: ich habe den Glauben wieder gefunden – den an meine Schrauberfähigkeiten! (Und das trotz Problemen mit Nippeln, Größenfragen, einem unzuverlässigen Ständer und einem steifen Glied.)

Aber der Reihe nach: die Schaltung an meinem Tourenrad war in die Jahre gekommen und ließ sich nicht mehr so justieren, dass man problemlos rauf- oder runterschalten konnte. In einem Anflug von Kühnheit beschloss ich, meinen Traum von der Nuvinci-Nabe im Selbstversuch umzusetzen. Die Nuvinci hatte ich 2014 auf der Eurobike an einem Trike entdeckt und seit damals ging ich mit der Idee schwanger, so ein Teil an mein Treckingbike zu nageln. Die Suche im Netz ergab Bezugsquellen für die Nabe, aber kaum für komplette Hinterräder. Wenn solche angeboten wurden, dann meist in 26″, ich brauche aber 28″. Das stellte mich vor die nächste Herausforderung: das Rad selbst einspeichen. Mit mulmigem Gefühl dachte ich an das Rad zurück, das mir Christian vor rund 30 Jahren aus Gefälligkeit zwischen armen Studenten eingespeicht und nach Gefühl und Wellenschlag zentriert hatte. Aber man soll sich ja in meinem Alter ab und zu an etwas Neues wagen, um nicht vorzeitig in die Demenz abzugleiten. Also besorgte ich Literatur und allerlei Werkzeug. Neben dem Standardwerk von Gerd Schraner (Die Kunst des Laufradbaus) kamen ein Zentrierständer, eine Lehre, ein Nippel-Schrauberbit und eine Punze für Speichenköpfe ins Haus. Dank dem praktischen Rechner von Dr. Plachky (Dankeschön, sehr hilfreich!) wusste ich inzwischen, welche Speichenlänge ich brauchte. Und um die Latte anständig hoch zu legen, beschloss ich, das Vorderrad auch gleich neu zu machen, unter Verwendung des alten Nabendynamos. Die Speichenzahl war durch die Naben vorgegeben: vorn 32 und hinten 36. Weil die Nuvinci symmetrisch ist, sind die Speichen links und rechts gleich, das erleichtert die Sache ein wenig. Im ersten Anlauf schaffte ich es, drei Felgen zu bestellen, eine ging inzwischen wieder zurück. Die Speichen dazu kamen in mehreren Tütchen, dazu die Nippel in leichter Überzahl. Eine Woche lang schlich ich um meine Schätze herum, studierte den Schraner und einschlägige Webseiten. Schließlich nahm ich mir ein Herz und begann zu basteln. Am 30. März konnte ich voller Stolz vermelden, dass alle Speichen des Hinterrads verbaut waren. Weder eine Speiche noch ein leeres Loch war übrig. Das Ganze sah einem Fahrradrad schon verblüffend ähnlich, wenn es auch noch ziemlich labbrig war und die Speichen reichlich verbogen. Mit dem Spezialbit im Akkuschrauber brachte ich die Speichen und mich selbst nach und nach auf Spannung. Der erste Probelauf im Zentrierständer verlief nicht mal übel. Nur der Ständer erwies sich als arg wackelig. Jede Berührung des Rades beeinflusste das ganze System. Ich konnte kaum erkennen, ob die Macken im Rundlauf von der Felge oder vom allgemeinen Gewackel kamen. Ich musste lernen, das Rad zu bewegen, fast, ohne es zu berühren, praktisch mit der Kraft der Gedanken. Nach mehreren Durchgängen definierte ich das Rad als rund.

Dis nächste Aufgabe war der Einbau und die Verkabelung. Ich hatte natürlich alles verstellt und keine Ahnung, wie man das wieder justiert. Unbeirrt verbaute ich alles, was ich in der Kiste fand, so genau wie möglich der Anleitung folgend. Die alte Schaltung wollte ich zunächst mal dran lassen, um eine Rückzugsmöglichkeit zu haben. Recht bald merkte ich, dass das nicht funktionierte. Am Punkt ohne Wiederkehr kappte ich den alten Schaltzug und montierte die Nuvinci-Teile. Züge, Hüllen, Anschläge, Spanner, alles ohne zu wissen, wie das am Ende zusammengehen soll. Schließlich hatte ich alle Elemente zusammengestöpselt und wollte mal probieren. Allerdings war die Mechanik durch lange Lagerung ziemlich schwergängig und ließ sich im Stand, bei loser Verschraubung, nur eingeschränkt bewegen. Außerdem hatte ich die Schaltung bereits verstellt. Aber ich hatte die Brücke hinter mir verbrannt und konnte nur noch nach vorn – auf immer dünnerem Eis. Ich wollte jetzt das System erst einmal komplett fahrtüchtig kriegen und stellte die Nachjustierung zurück. Zu meinem Plan gehörte auch, das Schaltwerk als Kettenspanner zu nutzen und vorne mit der Dreifachkurbel weiter zu fahren. Deshalb durfte ich, neben dem Kampf mit der neuen Schaltung, auch das Schaltwerk so fixieren, dass die Kette genau auf das Ritzel kam. Als alle Teile einigermaßen zusammengeschraubt waren, fühlte ich mich doch recht unsicher, ob das tun täte. Mit einer Mischung aus Forscherdrang und Todesmut wagte ich eine erste Probefahrt. Die drei Meter aus der Ausfahrt liefen nicht übel, aber den leichten Hang hoch begannen die Probleme: kurbel-kurbel-krach, das war die Geräuschkulisse von der Kette. Ich fusselte an der Schaltwerkschraube, um die Kettenlinie sauber zu bekommen. Zu weit in der einen Richtung sprang die Kette nach links vom Ritzel, in der anderen Richtung nach rechts. So weit, so logisch. Irgendwo in der Mitte müsste es eine Position geben, wo alle sauber fluchtet und flutscht. Aber die schien unauffindbar. Unter Last trat immer das leidige kurbel-kurbel-krach Phänomen auf. Entnervt gab ich auf und bereitete mich psychisch auf den Spott des Mechanikers vor, den ich wohl aufsuchen müsste.

Immerhin lief das selbst eingespeichte Hinterrad astrein. Vor dem Gang in die Werkstatt wollte ich deshalb „schnell noch“ das Vorderrad neu aufbauen. Frohen Muttes fädelte ich Speichen in Löcher und schraubte geölte Nippel auf gefettete Gewinde. Das erste Ergebnis war nicht gaaaanz so rund wie beim Hinterrad, aber das hatte ich ja hinbekommen. Ich schraubte also fleißig herum, korrigierte, maß und schraubte weiter. Je mehr ich schraubte, desto krummer wurde das Gerät. Ostern hin oder her, ein Ei wollte ich nicht fabrizieren! Total frustriert löste ich alle Nippel nochmal fast komplett. Dabei kam mir ein schrecklicher Verdacht, der sich durch Nachmessen letztendlich bestätigte: ein verschnarchter Logistiker beim Versender meines Vertrauens hatte mir ein paar Speichen eingepackt, die kürzer waren , als der Rest! Also Speichen nachbestellen, wieder drei Tage warten und alles von vorn. Mit gleich langen Speichen brachte ich das Rad schließlich in Form und konnte Samstag vorsichtig, unter kurbel-kurbel-krach Geräuschkulisse, zum Radladen radeln. Der verkaufstüchtige Monteur überredete mich sogleich, das Schaltwerk durch einen Kettenspanner zu ersetzen, den er aber erst bestellen müsse.

Eine Lösung für das kurbel-kurbel-krach Problem schien also zu existieren. Bis der Spanner käme, wollte ich die Justierung hinbekommen. Nach Studium der Anleitung und mit dem richtigen Werkzeug gelang mir das. In der höchsten Stufe dreht sich das Hinterrad pro Ritzelumdrehung 1 1/2 mal. Mooooooomang! 1,8 bis 2 mal, sagt das Handbuch! Da darf ich also noch mal ran…

Nach Wiedereinbau des Hinterrads noch ein kurzer Test, Kurbel vorwärts und rückwärts gedreht – was war das? Beim Rückwärtskurbeln sprang die Kette ebenfalls in regelmäßigen Abständen! Das kurbel-kurbel-krach kam gar nicht von einer krummen Einstellung, sondern von einem steifen Kettenglied! Mit brachialer Gewalt machte ich dieses gängig und jetzt flutscht alles. Mal sehen, ob ich den Spanner noch abbestellen kann…

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Über modoufall

Manager und Triathlet
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2 Antworten zu Eine Glaubensfrage

  1. modoufall schreibt:

    Gut, dass wir drüber geschrieben haben! Habe soeben zum gefühlt 43. mal das Hinterrad ausgebaut und die Schaltung endlich vollständig zurückgesetzt. Jetzt, wo ich es drei mal falsch gemacht habe, verstehe ich auch das System: die Schaltung lässt sich im Stand nicht über den gesamten Bereich verstellen, deshalb muss man das Ritzel beim Rücksetzen drehen – ein Kinderspiel, wenn man drei Hände hat.

  2. Pingback: Hirnlos kurbeln ohne Krach | Modou Fall

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