Ein würdiger Abschluss

Die Euphorie vom Amsterdam City Swim hielt noch vor, als schon das nächste event anstand: Das Schwimmdings Mettlach. Auch hier hatte ich, wie schon am Rottachsee, in einem Anflug von Größenwahn die 5000 Meter gemeldet. Samstag nachmittag warf ich die Kinder ins Auto und wir fuhren los. Dieser Wettkampf war in zweifacher Hinsicht eine Besonderheit: er war der letzte in diesem Jahr (wenn ich nicht noch was melde, aber Offenwasserschwimmen im Zeitraum Oktober-Dezember ist nicht so mein Ding). Und ich sollte hier zum ersten Mal Leute in echt treffen, die ich bislang nur aus facebook kannte.

Drei Stunden und etliche Staus später kamen wir in Püttlingen an, wo wir die Übernachtung gebucht hatten, schräg gegenüber vom Haus der Veranstalterin Anna Krämer. Wir checkten in der Unterkunft ein, die einen respektablen Platz im Ranking der Heimatidyllepflege verdient hat. Meine Tochter zählte allein in unserer Ferienwohnung vier Gottesmütter, sieben Gottessöhne und neun ältere Herren mit Pfeife, in Öl, Acryl und Petit Point. Abgesehen vom Kunstgeschmack war die Bleibe aber erstklassig! Wir verstauten unser Geraffel und gingen über die Straße zu Krämers. Anna, ihr Mann Frank, Anke und Andreas waren schon vor Ort. Und was soll ich sagen? Im sogenannten real life waren die noch weit sympathischer als auf facebook! Anna wollte uns noch ihren neuen Lieblingsweiher im Wald zeigen, aber Jürgen war noch unterwegs, irgendwo im Stau. Kurz vor fünf beschlossen wir, ohne ihn loszuziehen. Zu viert fuhren wir rüber in den Wald und wanderten ein gutes Stück (laut Frank 5 Minuten, im real life ein paar mehr). Anna nutzt dieses Gewässer, um sich auf die Kälte in der Straße von Gibraltar vorzubereiten, die sie 2015 queren will. Ich will nichts queren, stieg aber trotzdem -mit aller gebotenen Vorsicht – ins knapp 18 Grad kühle Nass.

Weiher1

Ein paar Spaziergänger beobachteten uns argwöhnisch; als Andreas rief: „Auf Bahn vier ist noch Platz!“, suchten sie ihr Heil in der Flucht. Die nette Gesellschaft ließ die Kälte schnell vergessen und wir plantschten fröhlich den Weiher runter. Mittendrin hatte plötzlich jede(r) einen Fotoapparat zur Hand. Ich einen herkömmlichen in Plastikgehäuse, die Mädels je einen von Haus aus wasserfesten.

Weiher2

Nach einer Fotosession schwammen wir weiter zum Ende des Weihers, wo die Temperatur durch den Zufluss noch um ein Grad runterging. Auf dem Rückweg schlugen wir zu meiner Erleichterung ein flotteres Tempo an, das mich wieder halbwegs auf Betriebstemperatur brachte. Nach 25 Minuten waren wir wieder am Ausgangspunkt und zogen uns um. Manche locker in T-Shirt und Shorts, ich mit allem, was ich dabei hatte.

Zurück in Püttlingen trafen wir Jürgen, der sich gerade von der couch-potato zum Kanalschwimmer morpht. Das Abendessen im Hause Krämer ging bis Mitternacht. Mein Töchterlein lästerte heftig über die Herrschaften in fortgeschrittenem Alter, die sich rund um den Tisch über ihre Telefone beugten und sich gegenseitig Freundschaftsanfragen auf facebook sandten. Nachdem reichlich Essen und Trinken vertilgt (und großteils auf facebook geteilt) waren, stellten wir schockiert fest, dass wir anderntags noch 5 Kilometer schwimmen sollten! Schweren Herzens verzogen wir uns in unsere Betten.

Wenige Stunden später saßen wir wieder um den gleiche Tisch, der sich unter einem reichhaltigen Frühstück bog, stopften uns voll und verglichen facebook-Einträge. Anna musste als erste los. Zusammen mit Doris Gerz hatte sie in monatelanger Arbeit die Veranstaltung organisiert und mit einer Unzahl von Behörden klar gemacht, dass etliche Fußgänger für mehrere Stunden die Saar für sich haben sollten. Das Gros der nervenaufreibenden Arbeit lag zwar hinter ihr, aber am Veranstaltungstag selbst gab es noch genug Stress. Wenig später fuhren auch wir hinüber nach Mettlach, zum Ort des Geschehens. Nach und nach sammelte sich ein lustiges Völkchen. Namhafte Größen der Offenwasserszene plauderten angeregt mit ehrgeizigen Amateuren und absoluten Dilettanten. Vier Strecken, von 500 bis 5000 Meter, waren ausgeschrieben. Kurz vor eins verteilte die Wasserwacht die Bojen in der Saar und Anna erklärte uns, wer wann wo wie um diese rumschwimmen sollte. Wir starteten in zwei Gruppen: erst die Starter über 500 Meter, dann alle Starter der längeren Strecken, von denen man annehmen durfte, dass sie wüssten, was sie tun. Mit letzteren ging ich über die Rampe ins Wasser. Auf dem Weg zur ersten Boje sortierte ich noch mal meine Garderobe und spülte die Brille aus, dann schwamm ich zügig los. Meine Premiere über 5000 Meter zwei Wochen vorher hatte mir Vertrauen gegeben und ich schlug früh ein Tempo an, das ich mir zutraute. Das überschaubare Feld hatte sich schnell sortiert und bald waren nur noch wenig Leute in meiner Nähe. Eine Zeit lang konnte ich einen Kollegen draften, aber auf dieser Strecke führen schon geringe Tempounterschiede zu einem deutlichen Abstand. Die stressige Rechnerei: wie viel hab ich schon, wie viel muss ich noch? konnte ich nach und nach verdrängen und kam in einen guten flow. Zwei Runden zu je 2000 Meter und eine kurze von 1000 vergingen wie von allein. Das letzte Stück war noch mal eine mentale Herausforderung. Auf dem Wasser sind Entfernungen schwer zu schätzen und vom Sichten des Zielbogens bis zur Ankunft war es ein gutes Stück zu schwimmen. Schließlich nahmen mich Andreas und Frank in Empfang und reichten mich an Anna weiter, die mir über die Zeitnahmematte half. Nach üppiger Zielverpflegung ging ich rüber in die Dusche, gerade noch rechtzeitig, bevor das warme Wasser alle war – sorry, Jürgen! Ein Blick auf den Zeitnahmebildschirm zeigte mich auf Platz sechs. Respektierlich, in anständiger Zeit, aber nix Weltbewegendes. Ich verabschiedete mich von alten und neuen Freunden, sammelte meine Klamotten und Kinder ein und reihte mich in den Rückwegstau ein. Erst am Montag begriff ich, dass Platz 6 overall, wenn vor dir vier Weibchen sind, Rang zwei bei den Männchen bedeutet! Ein Podestplatz, und ich stand nicht körperlich auf dem Treppchen… Egal, wenn Anna das noch mal auf sich nimmt, kämpfe ich halt 2015 nochmals um einen Podestplatz und bleibe bis zur Siegerehrung.

Reichlich Fotos von der ganzen Veranstaltung gibt es hier:

https://www.facebook.com/pages/Das-Schwimmdings-Mettlach/223237511200240

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Über Günter

Manager und Triathlet
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3 Antworten zu Ein würdiger Abschluss

  1. annakraemer1 schreibt:

    Mein lieber modoufall, Dein Paket ist unterwegs und, Du wirst Dich im kommenden Jahr dann wohl etwas mehr anstrengen müssen, da wir, Dank Eurer liebenswerten Kommentare, ein paar mehr Teilnehmer haben werden 😉 . Ansonsten habe ich mich unendlich gefreut, Dich und Deine Kinder hier zu Gast haben zu dürfen.

  2. Pingback: Nachspielzeit | Modou Fall

  3. annakraemer1 schreibt:

    Mein lieber mudoulfall, da wirst Du Dich im nächsten Jahr wohl etwas mehr anstrengen müssen. Dank Euer freundlichen Kommentare und Eurer positiven Rückmeldung, werden wohl ein paar Teilnehmer mehr dabei sein, wenn es heißt, Das Schwimmdings Mettlach lädt zur 2. Auflage ;-).
    Vielen Dank, dass Du und Deine Kinder hier zu Gast gewesen seit. Es war sehr schön, Euch hier zu haben.
    🙂

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