Amsterdam City Swim live und in Farbe

Der große Tag. Irgendwann im Frühjahr hatte ich mich spontan zum Amsterdam City Swim angemeldet. Im weiteren Verlauf kamen immer mehr Offenwasser-Veranstaltungen dazu, so dass mein Sportjahr völlig von der Schwimmerei dominiert wurde. Das Triathlon-Sandwich im Juni ist dagegen glatt verblasst, so schön es auch war. Der kühle und verregnete Sommer war auch nicht wirklich Fahrrad-freundlich, dafür perfekt geeignet für sportliches Schwimmen im Freibad. Ich hoffe nur, dass nicht allzu viele Freibäder mangels Sonnenschein-Planschern darüber pleite gegangen sind.

Jetzt war also der Saisonhöhepunkt endlich gekommen. Nach dem Frühstück saß ich auf meinem Lieblingsplatz, der schwimmenden Terasse vor dem Hotel und freute mich an der Morgensonne. Das Wasser der Herengracht lag glatt zwischen den Backsteinmauern und spiegelte die hohen schmalen Häuser. Erstes Herbstlaub trieb auf der Oberfläche und aus irgendeiner Ecke wehte ein Rest Haschischduft von Samstagnacht übers Wasser – ruach elohim…

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Lange hielt ich die Ruhe aber nicht aus, der bevorstehende Wettkampf schickte seine Adrenalinschübe voraus. Ich schnallte die Schwimmtasche auf den Gepäckträger meines halblautstarken Mietrades

loudbike

und quietschte los. Natürlich viel zu früh. Einlass war ab 11 Uhr und wir hatten gerade mal zehne durch. Ich beschloss, noch eine spontane Stadtrundfahrt zu machen. Samstag hatte ich die Ostseite des Hafens erkundet,

noway

jetzt schaute ich mal den Westen an. Als ich gerade umdrehen und Richtung Startgelände radeln wollte, sah ich, dass weiter links ein viel idyllischerer Weg an den Kanälen entlang führte. Dem folgte ich, bis die Wegweiser zum Bahnhof in eine ganz andere Richtung zeigten, als ich vermutete. Was tun? Das Telefon hatte ich im Hotel gelassen, der postkartengroße Stadtplan aus dem Hotel musste zur Orientierung genügen. Ich stellte schnell fest, dass ich viel zu weit nach Süden abgedriftet war. Ich korrigierte die Richtung und trat sportlich in die Pedale, was mein Untersatz mit erhöhtem Gewackel und neuartigen Geräuschen quittierte. Kurz nach elf kam ich am Marinestützpunkt an. Was von Weitem wie transportable Absperrgitter aussah, erwies sich aus der Nähe als transportable Fahrradabstellanlage. Ich sicherte das Gefährt, das beim Abkühlen noch bedenklich knackte, mit der fetten Kette (die wesentlich zur Fahrstabilität wie auch zum Gesamtwiederverkaufswert beitrug.) Immerhin fiel es nicht, wie weiland das Blues-Mobil, in rauchende Stücke auseinander.

Auf dem Marinegelände waren riesige Festzelte aufgestellt, eines für die Registrierung und ein doppeltes für die Bewirtung. Alles an diesem Tag war großzügig überdimensioniert, auch bei voller Auslastung bin ich nirgends lange angestanden. Bei der Registratie bekam ich meine Schwimmütze mit zwei eingebauten Zeitnahmechips und ein Armband. Dann nahm ich im Hospitality-tent mein zweites Frühstück ein. Und weils so schön war, gleich noch ein drittes. Anfangs dachte ich, ich wäre versehentlich in der VIP-Lounge gelandet, aber dieser Fresstempel war tatsächlich für das gemeine Volk bestimmt. Statt Bierzeltgarnituren standen Stehtischchen mit Barhockern rum, dazwischen aufblasbare Couchgarnituren. Ständig wuselten Crew-Mitglieder durchs Zelt und füllten die Teller mit chocolate chip cookies, doughnuts und muffins auf. Ich musste aufpassen, vor dem Schwimmen nicht zu viel einzuwerfen!

Die gut 2000 Teilnehmer sollten ab 13 Uhr starten, alle fünf Minuten 100 Leute. Ich war um 13:10 in der dritten Startwelle. Gegen halb eins brach ich mein viertes Frühstück ab und ging mich umziehen. Als Umkleiden fungierten Konferenz- oder Schulungsräume der Marinebasis. Im schicken Neopren watschelte ich dann zum Start. Auch dort war alles durchorganisiert. Die erste Welle stand schon am Ponton bereit, die zweite Welle war im Vorstart-Zelt geparkt und vor diesem sortierte sich langsam die dritte Startgruppe samt meiner Wenigkeit. Der Startschuss kam aus einer echten Haubitze und schon legten die ersten hundert Leute mit ihren silbernen Badekappen los. Die hundert Rotkäppchen rückten nach auf den Ponton und wir Weißkopf-Gänse versammelten uns im Zelt, um kurz darauf unsererseits ans Wasser zu drängeln. Nach drei Tropfen Regen am Vormittag stand jetzt eine strahlende Sonne am Himmel. Die Stimmung an der Startrampe war mit freudiger Erregung elektrisch geladen. 2000 Meter sind nicht viel für einen Schwimmer, nicht einmal für einen Triathleten, aber viele Teilnehmer waren weder das eine noch das andere und noch selten so weit geschwommen. Manchen sah man die bange Nervosität an, die meisten waren aber einfach nur gut drauf. Gut drauf war überhaupt das Leitthema des Tages. Wenn man sich die Fotos auf der Veranstalterseite anschaut, fragt man sich, ob diese Horde dämlich grinsender, in Gummi gewandeter Leute eventuell durch den Abwasserkanal der örtlichen Cannabisplantage geschwommen ist.

Sind wir aber nicht, sondern beim Startschuss in das Becken des Museumshafens gesprungen. Mit meinen 54 Lenzen habe ich mir das Springen verkniffen und habe mich langsam über die Kante gleiten lassen. Die Startzeit wurde eh nicht beim Schuss genommen, sondern unter der Sensorbrücke in 30 Meter Entfernung. Ich zupfte in aller Ruhe Anzug, Hut und Brille zurecht und schwamm der aufgeregt plantschenden Meute hinterher. Am Museums-Dreimaster vorbei ging es durch das Hafenbecken Richtung Nieuwe Herengracht und schon unter der ersten Brücke durch. Ab hier war die gesamt Schwimmstrecke von Zuschauern gesäumt. An den längeren Uferstrecken in losen Gruppen, auf den zahlreichen Brücken in dichten Trauben begrüßten sie uns lautstark und feuerten uns an. Ich schwamm vor jeder Brücke ein paar Meter Omabrust und hinter jeder Brücke ein paar Schläge Rücken (auch mal altdeutsch) und winkte zurück. Die Nieuwe Herengracht war das längste Teilstück. Mal ging es zwischen meterhohen gemauerten Schleusenwänden hindurch, mal an Grasböschungen entlang. Nach einem guten Kilometer erreichten wir die Amstel, in die wir links einbogen. Hier gab es Gegenverkehr, weil hinter der Mageren Brug eine Wendeboje lag. Demzufolge verdoppelte sich hier die Volksfeststimmung im Wasser und auf der Brücke. Schließlich ging es wiederum links in die Keyzersgracht. Ab hier waren Leinen gespannt

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und man hörte den Radau vom Zielbereich, wo Radio Veronica die Massen mit Musik und Live-Reportagen beschallte. Ich machte noch mal richtig einen auf sportlich und schwamm beinahe zwei Kollegen über den Haufen, die vor dem Zielbogen schon mit high-five feierten. Ich schlug einen linken Haken um sie herum und feierte ebenfalls.

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Die ganze Ausstiegsrampe war von Freiwilligen gesäumt, die uns auf die Füße halfen. In schneller Reihenfolge gab es Medaille, Dusche, Handtuch und Bademantel, Bouillon und Radler.

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Während am Start die Luft mit nervöser Erregung geladen war, herrschte hier nur noch unkontrollierte Euphorie. Ich hielt mich nicht lange auf, sondern schlappte mit meinen Finisher-Flipflops zum Pendelbus, der uns zurück zur Marinebasis brachte, von der wir gestartet waren und wo noch immer im 5-Minuten Takt Hundertschaften auf die Reise geschickt wurden. Ich zog mich schnell um und radelte zum Hotel. Dort gab ich schweren Herzens mein lieb gewonnenes Rad zurück. Nach einem Sprung durch die warme Dusche ging ich zu Fuß wieder zum Partygelände, wo die Menge langsam in Stimmung kam.

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Offiziell sollte das Buffett zwar erst um 5 starten, aber die Caterer fuhren bereits auf, was Küche und Keller hergaben. Auf der Leinwand konnte man sehen, wie die letzten Teilnehmer ins Ziel schwammen, gefolgt von der Safety-Crew auf ihren boards.

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Bis zur Siegerehrung wechselten sich ein Gospelchor und eine Rockband beim Bespaßen ab. Die Siegerehrung war eher lässig, schließlich lag der Schwerpunkt der Veranstaltung nicht im Wettkampf, sondern auf dem Charity-Aspekt und die meisten Teilnehmer paddelten einfach irgendwie durch – und kamen auch alle an. Anders wäre mein 89. Platz nicht zu erklären. Die schnellsten Jungs und Mädels bekamen Pokale und ein Wochenende im Hotel. Der größte Pokal ging aber an ein 11-jähriges Mädchen, das die höchste Spendensumme gesammelt hatte: über 15.000 Euro für die holländische ALS-Stiftung. Mir dagegen fehlen noch knapp 30 zu den versprochenen 400. Zum Glück ist die Spendenseite noch bis Ende September auf, so lange könnt Ich hier einen kleinen Beitrag leisten: http://amsterdamcityswim.nl/nl/donations/add/guenter-eckert

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Über Günter

Manager und Triathlet
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