Kein Babysitter Boogie

Meine Tochter ist ja aus dem Gröbsten raus. Zumindest, was die Windeln angeht. Für die muss ich nicht mehr den Babysitter machen. Zum 24h-Schwimmen im Bottwartal wollte sie aber partout nicht mit und hatte auch noch Recht dabei. Eigentlich wollten wir dort zu dritt antreten, aber der Große fastet und das Mädel musste Haare machen. Außerdem war der Wetterbericht Scheiße (sorry, aber das kann man nicht anders sagen).

Das Schwimmen im Bottwartal geht von Samstag Mittag bis Sonntag Mittag. Ich hatte keine Lust, beim größten Andrang im Wasser zu sein und wollte gegen Abend anfangen. In die Nacht schwimmen, ein paar Stunden schlafen und dann in den Sonnenaufgang schwimmen, das war mein Plan. Gegen 18:30 fuhr ich auf den Parkplatz. In dem Moment begann das Gewitter. Ich saß den Wolkenbruch im Auto aus, dann packte ich mein Geraffel und ging anmelden. Das Becken war menschenleer, der Wettkampf war wegen Blitzgefahr unterbrochen. Ich stellte mein Zelt mit viel Mühe auf die quietschnasse Wiese. Dieses Zelt hatte ich niemals auf-, nur einmal abgebaut, entsprechend seltsam sah das erst einmal aus, bevor ich den Kanal für die dritte Zeltstange fand. Gegen 19 Uhr war ich dann im Wasser und schwamm eine Weile. Es war noch relativ voll, mit Brustschwimmern und allen Schikanen. Ich hielt mich an ein kleines Mädchen, das genau mein Tempo schwamm. Irgendwann ging ich raus und erkannte auf einen Schlag den negativen Unterschied zwischen einem 24h-Schwimmen in der Halle und im Freibad: die Lufttemperatur! Freibad ist ja sonst viel hübscher als Halle. Dieses Becken zum Beispiel ist 50 Meter lang, in der Halle gibt es das im weiteren Großraum Stuttgart genau ein einziges Mal! Und in der Halle bleibt das Chlor in einem definierten Luftvolumen gefangen, während es im Freibad ungehindert in die Atmosphäre entweicht. Dafür ist im Freibad die Lufttemperatur gleich der Außentemperatur… Im Lauf der Nacht lernte ich, vom Becken direkt zur Pinkelbude zu sprinten, von dort in die Dusche zu wechseln und dann im Schweinsgalopp zum Zelt zu hecheln. Ziel war, in trockene Klamotten zu kommen, bevor der Schüttelfrost einsetzt.

Mein letzter Einsatz am Samstag abend begann gegen 3/4 10 und ich schwamm tatsächlich bis in die theoretisch totale Dunkelheit. In der Praxis stellte die veranstaltende DLRG Strahler auf. Aber der Himmel wurde tiefschwarz. Kurz vor 11 stieg ich aus dem Wasser, spulte mein vorgenanntes Programm zum dritten Mal ab und holte mir dann was Warmes zu Essen. Gegen 1/2 12 krabbelte ich ins Zelt, zog alle Klamotten an, die ich mit hatte und legte mich in den Schlafsack – der umgehend zum Wachsack mutierte. Care keeps his watch in every old man’s eye, and where care lodges, sleep will never lie, sagt Shakespeare (Romeo and Juliet, act 2, sc. 1).  Bei mir waren die Gründe andere. Zum Einen war ich körperlich zu erschöpft, um in Morpheus Arme zu sinken. Zum Anderen hatte ich meine Luftmatratze einem Freund geliehen und nur eine dünne Schaumstoff-Isomatte mit, die den Schmerz in meinen Schultern eindrucksvoll hervorhob. Zum Dritten machten die Kollegen nacheinander Feierabend. Alle 10 Minuten kam eine Hühnerschar angegackert, die viel zu aufgeregt war, um zu bedenken, dass Zelte nicht schalldicht sind. Dazwischen brüllten Erziehungsberechtigte mit unterschiedlicher Qualifiaktion für diesen Job ihre Schützlinge an: Tamara, tu dies, Tamara, lass das… Ich hatte nicht den Nerv, aus dem Zelt heraus einen Rundumruf loszulassen; an ein Verlassen des Schlafsacks war nicht zu denken, also wartete ich darauf, dass sich die Leute beruhigten. Kurz nach eins war Ruhe. Bis gegen drei. Da brüllte zur Abwechslung eine Frau mit Stentorstimme durch die Nacht und erklärte irgendjemand am anderen Ende des Freigeländes, dass sie jetzt wieder schwimme. Was sie aber nicht tat. Zumindest nicht, ohne vorher ihre Lebensgeschichte oder etwas in der Art zum Schlechtesten zu geben.

Aber ich hatte Hoffnung auf Rache. Steffen wollte um vier Uhr früh kommen und in den Sonnenaufgang schwimmen. Ich hatte meinen Wecker auf diese Zeit gestellt. Als Reminiszenz an die Lehrgänge in der Sportschule Grünwald vor 40 Jahren habe ich mir dazu den Song heruntergeladen, der dort jeden Morgen um 6:45 von einer nahezu platt genudelten Vinyl-Single über die Durchsagelautsprecher dudelte: den Babysitter Boogie von Ralf Bendix, das einzige Werk der Musikgeschichte, das meine eingangs erwähnte Tochter in einen senkrechten Zustand versetzen kann.

1/4 nach 5 wachte ich auf, immer noch mit schmerzenden Schultern. Ralf Bendix hatte kläglich versagt, aber schuld war ich selber – ich hatte den Wecker „Montag-Freitag“ aktiviert! Damit waren zwar meine Rachepläne gescheitert, dafür hatte ich 75 Minuten Schlaf gewonnen. Schwimmen hätte ich mit diesem Rücken eh nicht gekonnt, dachte ich. Einmal aus dem Zelt heraus, konnte ich aber wieder genügend Beweglichkeit herstellen, um den Gedanken an Wasser nicht ganz zu verwerfen. Ich ging zum Becken und fand tatsächlich Steffen beim Schwimmen. Von meiner Phantom-Bekannten Kerstin hingegen immer noch keine Spur. Wir hatten uns zwei Tage vorher auf facebook in einer Schwimmgruppe getroffen. Laut Ergebnisliste lag eine Kerstin Kuntze ganz weit vorne, aber ich bekam um die Burg nicht heraus, wer das war.

Also schwamm ich erst mal ein paar Kilometer mit Steffen. Genauer gesagt, schwamm ich ein paar Kilometer und Steffen überholte mich alle paar Minuten. Steffen hatte bald seine 7.800 Meter voll und wir gingen frühstücken. Dort bekam ich von einer Schwimmerin den entscheidenden Hinweis: Kerstin, das müsse diese Frau sein, die so langsam aussieht, aber nie aus dem Wasser geht und völlig unauffällig Kilometer um Kilometer abspult. Kurz darauf hatte ich sie identifiziert. Wir freuten uns wie die Schneekönige, dass wir uns im real life getroffen hatten. Kerstin machte im Lauf des Tages noch ihre geplanten 33 Kilometer voll und wurde beste Frau. Lange Zeit wäre sie auch weiter gewesen als der beste Mann, aber den packte gegen Ende der Ehrgeiz und er legte noch mal eine Runde drauf. Ich ließ nach 16,2 km gut sein, das war meine bislang längste Strecke und eine gute Vorbereitung auf das Schwimmen im Regen in drei Wochen. Mehr dazu in Kürze.

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Über Günter

Manager und Triathlet
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8 Antworten zu Kein Babysitter Boogie

  1. Kerstin Kuntze schreibt:

    dich liest man gerne – n grüßchen von der zähen langsamen, die sonst wie n torpedo schwimmt 😉

  2. Ruth Kumpernatz schreibt:

    du hast eine herrliche schreibe! … und die kerstin ist ganz sicher nicht langsam, sie ist eben wie wasser, gleitend 🙂

  3. Steffen schreibt:

    Sehr schön geschrieben! Auf ein neues nächstes Jahr!

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