Das Mysterium der Schinkensemmel

Frankfurt Marathon 2013. Ich hatte es unbedingt wissen wollen, jetzt weiß ich es. Vor drei Jahren war ich hier meinen letzten Solo-Marathon gelaufen. Damals hätte es wahrscheinlich zu 3:10 reichen können, ich lief zu schnell an, brach bei der  Hälfte ein und schaffte mit Müh und Not 3:15.

Seither hatte ich noch einen Marathon in 4:17 gelaufen, der war aber mit Vorbelastung (Schwimmen und Rad fahren). Für 2013 hatte ich mir einen neuen Anlauf zur PB vorgenommen. Eigens dafür hatte ich auf größere Triahtlon-Abenteuer verzichtet. Im Nachhinein eine glückliche Entscheidung: das Frühjahr war lange kalt und nass, an Radtraining auf der Straße war nicht zu denken und einige frühe Veranstaltungen wurden kurzfristig zum Duathlon umgebastelt oder fielen gleich ganz aus. Ich hatte im Herbst 2012 für Frankfurt gemeldet und damit reichlich Zeit zur Vorbereitung. Frankfurt deshalb, weil es der letzte große Mara in Deutschland ist und ich nach dem Sommerurlaub noch Zeit für Aufbautraining hätte. So weit ging der Plan auch gut auf. Ich lief den Winter über fleißig Grundlage und lehnte mich schon mal mit sub-3 Ansagen aus dem Fenster. Im Frühsommer kamen die ersten Dämpfer. Bei der Challenge Kraichgau lief ich in der Staffel den HM in 1:36, in Stuttgart war ich nicht viel schneller. Die sub-3 war damit vom Tisch. Mein nächstes Ziel war eine neue Bestzeit. Ich war im Sommer weiterhin fleißig und mischte lange Kanten mit Tempoarbeit. Beim Heuchelberglauf war ich mit 1:31 auf einem Niveau, das die 3:10 rechnerisch möglich scheinen ließ. Die letzten zwei Wochen fuhr ich die Umfänge zurück und gönnte meinen Knochen die nötige Erholung.

Am Samstag reisten wir an und spulten das Pflichtprogramm ab: Hotel beziehen, Startnummer holen und die Marathonmall leerkaufen. Noch zwei Teller Pasta, ab ins Bett und richtig gut durchschlafen.

Am Sonntagmorgen hatte das Telefon die Zeitumstellung fehlerfrei hingekriegt und weckte mich korrekt um halb sieben (ich hatte extra eine analoge, nicht-automatische Uhr dabei, um das zu kontrollieren. Als Forerunner 910-Nutzer braucht man ohnehin noch eine Uhr fürs echte Leben). Der Frühstücksraum war schon voll lustiger Leute, die unterschiedlichste Ernährungsstrategien vorführten. Ich blieb bei meiner bewährten Taktik und bastelte mir ein Früchtemüsli und eine Honigsemmel. Mein Tischnachbar verleibte sich derweil eine Schinkensemmel nach der anderen ein. Unser Gepräch drehte sich rein zufällig um die Marathonlauferei. Der Kollege lief heute seinen dritten und wollte auf 2:45 angehen. Mir fiel fast der Honig vom Brot. Er hatte seine ersten jeweils knapp über 2:50 gelaufen und wollte jetzt wissen, was ging. Ok, dachte ich. Wir holten uns dann jeder noch eine Semmel, er mit Schinken, ich mit Honig.

Um 9 checkten meine Frau und ich aus dem Hotel aus und gingen die anderthalb Kilometer zum Start. Das Wetter war unglaublich gut, strahlender Sonnenschein und 15 Grad, keine Spur vom angekündigten Regen. Vor der Messehalle ein unbändiger Trubel. Läufer und Begleiter wuselten wie aufgescheuchte Ameisen durcheinander. Dazwischen epische Schlangen vor den Dixi-Klos. Wir gingen in die Halle, wo ich die langen Klamotten auszog und die Beine mit Body Glide mit Muskelaktivator einrieb. Ich gab meinen Kleiderbeutel ab und stellte mich zum Spaß nochmal in die Kloschlange. Bis ich herauskam, war es 10 Uhr, noch dreißig Minuten bis zum Start. Ich wärmte mich ein wenig auf und ging um 10:20 in meinen Startblock. Während der Stadionsprecher das Publikum anheizte und die Spitzenläufer vorstellte, kam plötzlich Wind auf und schwarze Wolken türmten sich über uns. Etliche Plastiksäcke, die Läufer als Wetterschutz verwendet und jetzt abgelegt hatten, trieben durch die Luft. Ich wartete immer, dass einer die Oberleitung der Straßenbahn traf, aber das passierte nicht. Endlich kam der countdown und der Startschuss. Der Vorteil im vordersten Startblock ist, dass dort überwiegend alte Hasen stehen, die den Ablauf kennen. Die drängeln nicht von hinten nach vorne, sondern warten entspannt, dass die vorderen Reihen loslaufen und gehen erst mal ruhig zu Fuß, bis Platz ist, die Zeitnahme startet ja erst an der Matte. Ich riss mich auch brav zusammen und lief in einem Tempo los, das mir wie ein gemütlicher Erholungslauf vorkam, sich aber nach einem Kilometer als perfekt meine Plangeschwindigkeit erwies. Zunächst ging es auf verwinkelten Pfaden durch die Frankfurter Innenstadt. An Ecken oder in Engstellen gab es teilweise Gedränge, aber alle waren höflich und entschuldigten sich für kleine Rempler. Der Wind war zwischen den Hochhäusern kaum zu spüren und die Wolken hatten sich fürs Erste wieder verzogen. Die Straßen waren von Publikum gesäumt, das uns begeistert anfeuerte. Auch mein Zeh verhielt sich unauffällig. Bei der letzten Pediküre am Donnerstag hatte ich mir am vierten Zeh ein Stück des Nagels ausgerissen. In der Frühe hatte ich kunstvoll gepflastert, damit einerseits die empfindliche Stelle gegen reibende Socken geschützt war, andererseits das Pflaster nicht irritierte. Im dritten Anlauf war mir das gelungen und die Konstruktion bewährte sich bislang. Nach 13 Kilometern überquerten wir den Main und gingen auf den langen Abschnitt durch die Vororte. Hier gab es einen kurzen, leichten Regenschauer, der aber nicht störte. Das Tempo passte weiterhin, 45 Minuten bei 10km und 1:31 bei 20km lagen gerade noch im Plan. Das traurige Ende kam abrupt kurz nach der halben Strecke. Die Rampe der Brücke nach Höchst gab mir den Rest. Wenig später überholte mich der Zugläufer für 3:15, an dem ich mich vorher Stück für Stück vorbei gearbeitet hatte. Ich versuchte, den Rhythmus wieder zu erhöhen, konnte aber das Tempo nicht halten. Inzwischen waren die Socken feucht vom Regen und der linke warf eine Falte unter den Zehen. Ich schaffte es, ihn bei angezogenem Schuh gerade zu zupfen und lief weiter. Ab hier nahm ich regelmäßig Gels, aber auch die konnten den Niedergang nicht aufhalten. Ab dem Halbmarathon war jede 5er-Zwischenzeit schlechter als die vorherige. Wenn jetzt ein Taxi da gewesen wäre, ich hätte es genommen. Mühsam schleppte ich mich die Mainzer Landstraße entlang Richtung Zentrum. Der Regen hatte aufgehört, aber ein kräftiger Wind blies von der Seite, der mich in Böen zum Straucheln brachte. Die Kilometerschilder dokumentierten einen stetigen Fortschritt, brachten aber keine Erleichterung. Der Information „noch 7 km“, „noch 5 km“ fehlte ganz entschieden das „nur“. An den Verpflegungsstellen blieb ich kurz stehen und trank in Ruhe. Die neue Bestzeit war lange abgehakt, ich wollte nur noch gemütlich und stilvoll weiterlaufen. Selbst das wurde immer schwieriger. An der 40km-Verpflegung konnte ich kaum noch gerade stehen. Jetzt umdrehen wär auch blöd, mit dem Gedanken machte ich mich auf den letzten Abschnitt. Auf dem letzten halben Kilometer gab es noch heftigen Gegenwind. Am Straßenrand lag ein Läufer, umsorgt von Ersthelfern. Ich trabte am Messeturm vorbei, über den Hof in die Halle und erreichte völlig ausgepumpt die Ziellinie.

Die Beine waren noch erstaunlich in Ordnung, aber der Kreislauf war mächtig aus dem Gleichgewicht. Ein nettes Mädel hängte mir die Medaille um den Hals, deren Gewicht mich fast zu Boden riss. Hinter der Halle kam die Zielverpflegung, leider völlig ungeschützt im heftigen Wind – mein einziger Kritikpunkt an der ansonsten perfekten Veranstaltung. In aller Eile schüttete ich einen Becher Tee in mich hinein, stopfte eine Banane hinterher und spülte mit bleifreiem Radler nach. Wenn der Körper schon leidet, soll auch der Magen seinen Spaß haben! Noch recht benommen schleppte ich mich zur Halle mit den Umkleiden. Mein erster Weg dort führte zum Klo, wo ich die Verpflegung wieder von mir gab, größtenteils rückwärts. Also entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung. Derart erleichtert schaffte ich es bis zur Beutelausgabe und von dort in die Umkleide. Nach einer Dusche und einer Runde stillsitzen kam langsam wieder Leben in den Körper. Ich lieh mir von einem netten Kollegen ein Telefon (meines lag im Auto) und rief meine Frau an. Kurz danach saßen wir im Auto und fuhren heim.

Was ist jetzt die Moral der Geschichte? Vor drei Jahren auf 3:00 angegangen, zur Halbzeit eingebrochen und in 3:15 angekommen. Gestern auf 3:10 angegangen, zur Halbzeit eingebrochen und in 3:25 angekommen. Das klingt wie: dumm geboren und nix dazu gelernt. Einen Marathon einfach durchzuschlurfen und nach 5 Stunden anzukommen, dazu habe ich keine Lust. Auf der halben Distanz kann ich noch lustig durchbrettern. Ich ziehe jetzt erst mal die Konsequenz und behaupte hier und heute, dass ich nie wieder einen vollen Marathon laufen werde. Auch wenn Christian versucht, mich zum Start in NY zu animieren. Aber NY ist doof. 3 Stunden vorher da sein und in die Büsche pinkeln ist nicht mein Ding. Wenn überhaupt, dann lauf ich in Big Sur. Und vorher drück ich mir vier Geflügelschinkensemmeln rein. Mit Butter, Erdnussbutter und Nutella!

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