Zu schnell, um wahr zu sein

Ein Wettkampf jagt den anderen. Letzten Sonntag war’s ein Sprint-Triathlon. Der hat noch prima in die Marathon-Vorbereitung reingepasst, auch wenn die Lauferei am folgenden Montag stark beschränkt verlief. Das ist überhaupt das Mühsame am Älterwerden: dass der Durchschnittspace um 1-2 Sekunden steigt, ist ja verkraftbar. Die Platzierungen werden trotzdem besser, weil manche Konkurrenten den Blödsinn einfach nicht mehr mitmachen. Zu gut werden die Platzierungen aber trotzdem nicht, weil gerade die Ehrgeizlinge, die sich seit 40 Jahren in den Listen an mir vorbeidrängeln, zu blöd sind, um aufzuhören (haben wohl nichts Besseres zu tun?). Und für eine biologische Lösung sind sie zu zäh. Das Ernüchterndste im Alter ist die Zeit, die man zur Erholung selbst von einem überschaubaren Wettkampf braucht.

Heute war ich beim Heuchelberglauf unterwegs, in der HM-Panorama-Variante, mit freundlicher Unterstützung von CBL Chemobau. Bernd hatte mich zu diesem Lauf animiert, der fünf Wochen vor dem Mara noch mal eine gute Standortbestimmung erlaubt. Kurz vor 8 war ich am Zielbereich in Leingarten und holte die Startnummer ab. Danach traf ich Bernd und die übrigen Jungs von der CBL-Fraktion, die gut und locker drauf waren und damit im Startfeld beinahe schon eine Ausnahme bildeten. Bei Herbstläufen ist die Stimmung ja tendenziell eher Ehrgeiz-lastig. Während bei den Volksläufen im Sommer sich Hinz und Kunz mit Krethi und Plethi verbrüdern und Anwaltskanzleien gegen Zahnarzthelferinnen antreten, treffen sich um das Äquinoktium herum die härteren unter den Gartenzwergen. Neben den oben erwähnten sehnigen Runzelrentnern hauptsächlich Triathleten, die zum Saisonabschluss noch einen Lauf raushauen. Und so sah ich, neben original 80er Ballonseidenanzügen, reichlich M-Dot und Challenge Rucksäcke von Veranstaltungen aus der ganzen DACH-Region (D, A, CH. Seit wir einen Marketing-Fritzen im Vorstand haben, ändert sich mein Wortschatz). 8:45 wurden wir 1/2-Marathonis mit Bussen abgeholt und zum Start gekarrt. Das mit den Bussen war wirklich eine super Idee, der Start war auf einem Waldweg, der in einer unübersichtlichen Kurve von der Landstraße abging. Ein Auto dort zu deponieren, hätte sich nur angeboten, wenn man einen vollen Mara hätte laufen wollen, die Strecke war one-way. Eine Runde laufen, eine Runde Dixi, ausziehen, noch eine Runde laufen, damit verging genau richtig die Zeit bis zum Start. Dabei outete auch ich mich als Hybrid zwischen altem Sack und Triathlet. Zwar war ich noch mit einem Swimtrek-Hoodie angereist, das nur Insider als Triathlon-affin erkennen, darunter trug ich aber das Finisher-Shirt von Heilbronn 2011. Das ist nicht nur ein hervorragendes Funktionshemd, es passt auch farblich perfekt zu meiner Lieblings-Laufhose mit den roten Einsätzen, die gerade rechtzeitig aus dem Waschzyklus aufgetaucht war. (Ein Hip-Hip-Hurra auf die Gemahlin!) Und mein Alter zu beschönigen wäre mir wirklich zu blöd. Noch blöder, als in meinem Alter auf Rennen zu gehen. Die äußeren Bedingungen näherten sich derweil verdächtig einem irrealen Optimum: der Morgennebel verzog sich, zaghaft schimmerte Sonnenlicht durch den lockeren Laubwald und die Temperatur pendelte sich bei 15°C ein. Die Schuhe schnürte ich noch einen Hauch fester als normal, um auf den koupierten Waldwegen nicht ins Schwimmen zu kommen. Bei der Aufstellung reihte ich mich an der Grenze zwischen „< 1:30“ und „<1:45“ ein. Nach 1:38 im Kraichgau und 1:33 in Stuttgart war ich nicht sicher, ob ich die 1:30 knacken würde. 1:30 ist heuer für mich die magische Marke. Mit einer <1:30 wäre mein (revidiertes) Ziel von 3:10 in Frankfurt rechnerisch möglich. Der Heuchelberglauf wirbt mit einer flachen Strecke und schnellen Zeiten, sollte also für Rechenspielchen brauchbar sein. Diese Spielchen hatte ich Bernd im Bus noch ausführlich erklärt: vom negativen Split bis zum 4/4 Marathon.

Countdown, Startschuss und los. Nach 50 Metern ging es steil nach unten. Ich hatte mich schnell einsortiert und ließ laufen. Langsamer würde ich von alleine. Mit hoher Schrittfrequenz und ebensolchem Knie lief ich den ersten Kilometer bergab in 3:52, schneller als jedes 1000er-Intervall in den letzten Jahren. Der zweite Kilometer begann bergauf und wurde dann flach. An seinem Ende hatte ich 8:30 auf der Uhr, genau die Vorgabe für 1:30! Den nächsten Kilometer fuhr ein Radler mit dem Schild „1. Frau“ neben mir. Er sah seinen Irrtum aber ein und ließ sich zurückfallen. Ich kam in flottem Tempo voran. In der Folge schaute ich nicht mehr auf die Uhr, sondern lief nach Gefühl. Die Strecke war nicht ohne und auch nicht wirklich flach, immer wieder ging es stückweise rauf und runter. Der Untergrund wechselte regelmäßig. Eine genaue Messung würde wohl gut 50% Asphalt ausweise, die unbefestigten Abschnitte gruben sich aber tiefer ins Gedächtnis ein. Gerade auf den ersten zwei Dritteln liefen wir viel durch den Wald, überwiegend auf guten Wegen mit vereinzelten feuchten Senken, die man mit Aufmerksamkeit umlaufen konnte. Aufmerksamkeit war gefragt, denn ich musste mich oft zwischen der geometrischen Ideallinie und dem besseren Untergrund entscheiden. Am unangenehmsten empfand ich die grasbewachsenen Feldwege zwischen den Äckern, wo ich wenig Halt fand und immer Angst vor versteckten Unebenheiten hatte.

Von der Konkurrenz bekam ich nur wenig mit. Kurz vor der ersten Wasserstelle kam ich in ein Grüppchen von fünf Leuten, lief ein paar hundert Meter hinter ihnen, überholte dann und wurde bald von zwei der fünf wieder überholt. Ansonsten bewies sich die alte Binsenweisheit, dass im Halbmarathon die Kilometer angenehm kurz sind und ich kam gut vorwärts. Beim Start in die zweite Hälfte fühlte ich mich noch taufrisch, merkte aber immer mehr den Übergang von bergab oder flach zu bergauf. Eine Zeit lang hatte ich die zwei Ausreißer aus der Fünfergruppe noch in Sichtweite, dann setzten sie sich ab und ich verfolgte hartnäckig eine auseinandergezogene Formation von knapp zehn Läufern. Bei Kilometer 15 kamen wir auf die Strecke des 12km Hauptlaufs, was bei mir für einige Verwirrung sorgte. Nachdem sich das Feld des HM gut einsortiert hatte, kamen immer wieder brutal schnelle Leute von hinten angeschossen. Ich tröstete mich damit, dass die aller Wahrscheinlichkeit nach 10 Kilometer weniger in den Beinen hatten als ich. Hier kamen wir auch aus dem Wald heraus und der Panoramalauf machte seinem Namen alle Ehre. Leider habe ich davon nicht viel mitbekommen, weil ich bereit voll im Tunnelblick-Modus lief. Inzwischen waren wir im letzten Viertel der Strecke, das zunächst sanft, dann immer stärker abfällt. Mit enormer Mühe hakte ich noch 2-3 Konkurrenten ab, die nicht mehr locker genug waren, um gnadenlos laufen zu lassen. Dafür war ich am Ende der steilsten Gefällstrecke, ca. bei km 19, ganz schön am Ende. Bis km 20 bemühte ich mich um zügiges Vorankommen, um Gegenangriffe abzuwehren, die aber nicht erfolgten. Bei km 20 hatte ich schließlich einen Teamkameraden vor der Flinte. Meter um Meter kämpfte ich mich heran, immer mit der Angst vor dem finalen Einbruch im Nacken. Schließlich war ich 20 Meter hinter ihm, als er, 300 Meter vor dem Ziel, an einer Steigung einbrach und gehen musste. Mit einem Triumphschrei zog ich vorbei und tat alles, um den psychologischen Vorteil ins Ziel zu retten. Der Hempel, der mich dazwischen noch überholte, war zum Glück aus dem 12km-Lauf. Vor lauter Aufregung vergaß ich sogar meinen Zielschrei – das wird wohl das geräuschloseste Finisherphoto meiner Karriere. An der Zielverpflegung holte ich mir noch den Kuchen, den die Weinkönigin extra für mich gebacken hatte. Zumindest hatte die nette Helferin am Morgen erzählt, dass einer der 50 Kuchen von der Winkönigin sei. A propos HelferInnen: HERZLICHEN DANK AN ALL DIE FLEIßIGEN LEUTE, DIE STUNDENLANG AM START, AND DER STRECKE UND IM ZIEL AUSHARRTEN, damit auch ja alle LäuferInnen gesund und sicher ankamen!

Frisch gestärkt wartete ich auf Bernd, der sich 1:50 vorgenommen hatte. Als wir uns anmeldeten, hatte er noch an sub-2 gedacht, ich hatte ihm die 1:50 vorgegeben, er hat sie mit 1:45 souverän unterboten und sah noch richtig gut aus dabei. Auch Sahin, der Flinkste aus dem CBL-Team, hat sein Ziel von 1:24 um 12 Sekunden unterboten und landete auf Platz 12. Und wo war ich? 1:31:08 weist die Ergebnisliste aus, Platz 33 gesamt. Unter Berücksichtigung von Streckenprofil und Untergrund könnte das gerade so für die 3:10 in Frankfurt reichen, wenn auch ähnlich knapp wie der Ausgang der heutigen Bundestagswahl. Es bleibt spannend, in Berlin wie bei Modou Fall! Dass ich 3. in der AK Uhu war, habe ich erst erfahren, als die Siegerehrung schon lange vorbei und ich vom Wahlbüro zurück war.

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Über Günter

Manager und Triathlet
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