Läufe

Die Laufzeit im Kraichgau hatte mich reichlich ernüchtert und mit einer kalten Dusche aus meinen Sub-3 Träumen für Frankfurt gerissen. Dafür hatten wir danach geschlagene 10 Tage lang Sommer. Auf der Zufahrt zum Freibad brach selbst der Radverkehr zusammen, weil die Autofahrer die Einbahnregelung nicht kapieren. Die Stadt stellt sich hier auch selten dämlich an. Ich korrigiere: sie stellt sich so dämlich an, wie man das von ihr gewohnt ist. 20 Jahre lang war der Otto-Konz-Weg in beiden Richtungen befahrbar. Jetzt hängt an einem Ende das rote Schild mit dem weißen Strich. Aber nicht immer, sondern nur, wenn der Bademeister das aufklappt. Am vorderen Ende steht gar nichts. Weder steht an der Zufahrt ein Einbahnstraßenschild, noch wird am hinteren Ende auf die neue Regelung hingewiesen. Und kontrollieren tut eh keiner. Ist aber egal, jetzt ist es wieder frisch und das Freibad in der Hand der Hardcore-Schwimmer, denen die Schönwetterplanscher sowieso nur im Weg sind. Woher ich das alles weiß? Ich war nicht nur im Freibad schwimmen, ich bin auch mit dem Rennrad dran vorbeigefahren. Ich bin tatsächlich in kurzen Klamotten Rennrad gefahren! Und es hat Spaß gemacht! Gelaufen bin ich auch, sogar 30km am Stück letzten Sonntag. Nicht ganz am Stück. 30km fast am Stück. 2km vor Schluss musste ich eine Gehpause einlegen, weil ich exceptionell platt war. Aber davor war lustig. Irgendjemand hatte den Sonntag zum Volksradtag erklärt und Hinz und Kunz waren auf dem Velo unterwegs. Ich habe an den Steigungen noch nie so viele Radfahrer überholt.
Heute war ich beim Stuttgart-Lauf, dem nächsten Formtest für Frankfurt. Ausnahmsweise war ich weder für unsere Anwaltskanzlei noch für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft unterwegs, sondern tatsächlich für meinen Verein. Der Tag ließ sich gut an, angenehme Temperaturen und bewölkter Himmel bildeten ideale Voraussetzungen für einen flotten Lauf. Zur allgemeinen Verblüffung erfolgte der Start absolut pünktlich um 9 Uhr, keine Autos parkten auf der Strecke. Ich startete im zweiten Block und stand weit vorne. Bereits nach rund 400 Metern hatte ich mich gut einsortiert und lief eisern meinen Stiefel. Auf den ersten Kilometern musste ich zwar manchmal von der Ideallinie abweichen, um voranzukommen, aber das war nicht tragisch. Vor einigen Jahren hatte der Veranstalter gedacht, es wäre interessanter, die Läufer gleich zu Anfang durch die Innenstadt zu schicken, mit der Folge, das das noch dicht gepackte Feld durch einen engen Straßentunnel musste und danach Slalom zwischen Straßenschildern und Blumenkübeln laufen durfte; davon sind die zum Glück wieder abgekommen und schicken die Leute wieder auf breiten Ausfallstraßen aus der Stadt hinaus.
Ich verkniff mir unterwegs jeden Blick auf die Uhr und lief stur nach Gefühl. Auf den Gefällstrecken versuchte ich, durch hohe Schrittfrequenz und möglicht saubere Technik Tempo zu machen, um den Zeitverlust an den Steigungen auszugleichen. An den Wasserlöchern gönnte ich mir jeweils ein paar Sekunden Pause, um in Ruhe zu trinken. Wenn ich das meiste verschütte oder mich verschlucke, kostet das unterm Strich mehr Zeit. Meistens hatte ich den Eindruck, dass ich mich stetig nach vorne arbeite. In der zweiten Hälfte, die durch einen Regenschauer eingeläutet wurde, der jedoch bald vorbei war, spürte ich mehr Langeweile als Schmerz und versuchte, gegen Ende das Tempo nochmal zu steigern. Im Schnitt ist mir das offenbar gelungen, Mika-Timing nennt für die erste Hälfte 4:28 und für die zweite 4:27 als Durchschnittspace. Wobei gefühlt in der zweiten Hälfte mehr Höhenmeter zu bewältigen sind – der Anstieg im 19. Kilometer hat schon erwachsene Frauen und Männer weinen sehen. Nach 21 km bogen wir in das Daimler-Stadion ein, leider auf einer Asphalt-Fahrbahn statt auf einer Laufbahn. (Vielleicht steigt der VfB ja mal ab und man baut wieder ein Leichtathletikstadion rein.) Am Ziel begrüßte mich Achim Seiter, der mal wieder Stadionsprecher war. Wir beide glauben vermutlich voneinander, dass wir auf jedem Wettkampf seien, wo auch der andere ist. Im Ziel schaute ich zum ersten Mal auf die Uhr: 1:33, nicht wirklich schnell. Dafür war ich sauber und zügig durchgelaufen, fühlte mich im Ziel absolut fit und wunderte mich über die leidenden Gestalten um mich herum. Nur kalt war mir jetzt, in klatschnassen Klamotten im zugigen Gelände. Ich verpflegte mich nur kurz und verzog mich unter die schöne heiße Dusche. Mittag war ich schon wieder zu hause und ließ mich feiern.

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Manager und Triathlet
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