Neger sind nicht nett…

… und Negerlein nicht drollig.

In Deutschland tobt seit einigen Wochen eine gespenstische Debatte, weil ein Kinderbuchverlag erkannt hat, dass der Ausdruck „Neger(lein)“ eventuell unnett ist. Dazu habe ich eine Meinung. Die bezieht sich spezifisch auf die prägenden literarischen Werke meiner Kindheit und frühen Jugend, nämlich die Bücher von Astrid Lindgren und Otfried Preußler und die Filme der Augsburger Puppenkiste. Auf die Argumente der Dumpfbacken gehe ich gar nicht ein (irgendwo ist gut). Etliche Kommentatoren legen sich jetzt mächtig ins Zeug für die Freiheit der Kunst und gegen Zensur, die durch politische Korrektheit motiviert ist. Hohe Güter, auch in meinem Wertekanon, wie ich betonen möchte. Was aber in der Argumentation völlig außen vor bleibt, und was die Debatte für mich so gespenstisch macht, ist die fehlende Berücksichtigung real existierender Neger und ihrer Befindlichkeit. Ja, in Deutschland leben „schwarze“ Menschen, Überraschung! Für sie, ihre Verwandten und Freunde ist die Konfrontation mit diesem Vokabular jedes Mal aufs Neue ein Trauma. Auch wenn Lindgren und Preußler bestimmt keine Rassisten waren, so sind ihre Werke gerade durch die gedankenlose Verwendung dieser Begriffe, Bilder und Vorstellungen für heutige Begriffe erschreckend. Ein Schlüsselerlebnis für mich war die Reaktion meiner Frau auf die Darstellung der „Papageienfresser“ in „Der Löwe ist los“ aus der Puppenkiste – meine Aufforderung an alle Verfechter der freien Meinungsäußerung: schaut Euch das mit einem (deutsch-)afrikanischen Freund an und erklärt ihm, warum er das gut finden soll!

Ein weiteres Problem, das in der Debatte meist elegant ausgeklammert wird: Der Ausdruck „Neger“ hat seit den 50er Jahren in Deutschland eine dramatische Bedeutungsverschiebung erlebt, für die mir kein Vergleich einfällt. Es gibt ja auch keine Kinderbücher, in denen der Begriff „Judensau“ vorkommt (um mal ein drastisches Beispiel zu geben). Afrikaner im Nachkriegsdeutschland waren irgendwie exotisch und in der öffentlichen Wahrnehmung nicht wirklich als Personen anwesend. So eigneten sie sich als Personifizierung des Exotischen schlechthin. Aus der damaligen Situation mag es durchaus ehrenwert gewesen sein, die deutschen Kinderlein an den Begriff des „netten Negers“ gewöhnen zu wollen. Aber heute wissen wir es besser. Und wer es nicht besser weiß, tut das vorsätzlich! Wir wissen um die Bürgerrechtsbewegung in den USA (wo Afroamerikaner sehr wohl im Kampf gegen Nazideutschland sterben durften, während sie zu hause per Gesetz diskriminiert wurden). Habe ich schon „The Help“ lobend erwähnt? Hiermit geschehen.

Und kommt mir jetzt bloß nicht mit Mark Twain! Da gibt es nämlich einen Unterschied: Twain beschreibt den real existiernden, alltäglichen, durch Gesetz, Kirche und Gesellschaft begründeten Rassismus in den amerikanischen Südstaaten. Wenn Twain das Wort „Nigger“ benutzt, ist es für den Leser, gleich welcher politischer Couleur und/oder Hautfarbe, klar, was damit gemeint ist. Nichts nettes nämlich.

Zusammenfassung:

  1. Ich finde es gut, wenn in (aus dem Schwedischen übersetzten) deutschen Kinderbüchern kein Neger(könig) vorkommt.
  2. Meine Kinder sind keine Negerlein. Ihre Cousins und Cousinen auch nicht. Widerspruch auf eigene Gefahr.
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Über Günter

Manager und Triathlet
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