Er ist wieder da – die Bewertung

In den letzten Wochen war ich erstaunlich fleißig, wenn auch nicht im blog. Ich bin so viel gelaufen, dass ich die Schuhe vier Wochen früher als geplant wechseln musste. Anscheinend werden meine Füße im Alter größer. Oder platter. Jedenfalls bin ich in den alten Schuhen dauernd vorn angestoßen. Auch das MTB hat neue Schlappen gekriegt, Alberts in 26×2,35. Damit kann in zwei Wochen beim Dirty Race fast nichts schief gehen.

Bei der ganzen Lauferei habe ich dann das Buch von Timur Vermes „Er ist wieder da“ recht bald durchgehört. Der Gag dieses Buches besteht darin, dass Adolf Hitler im Berlin des Jahres 2011 leibhaftig auftaucht, aus einem Schlaf erwacht, und sich in der Moderne zu Recht finden muss. Über dieses Buch wollte ich jetzt doch ein paar Takte von mir geben. Zu einem echten Verriss reicht es nicht, aber immerhin singe ich keine Lobeshymne. Die Frage, ob und wie man über Nazi-Deutschland eine Komödie machen darf, ist ungefähr so alt wie Nazi-Deutschland. Der erste Film zum Thema war Chaplins „Großer Diktator“. Die idyllische Darstellung des Lebens im Judenviertel, oder des Landlebens in Austerlitz, ist zwar aus heutiger Sicht ziemlich abstrus, dafür ist die Darstellung Hitlers auf gespenstische Art faszinierend. Chaplin soll bei den Dreharbeiten die gleichen Photographien verwendet haben, anhand derer Hitler seine Körpersprache für öffentliche Auftritte einstudierte. Im Nachhinein hat Chaplin bereits 1940 herausgestellt, was Hannah Arendt beim Eichmann-Prozess so beunruhigte: hinter der ganzen kriminellen Bestialität steckt eine biedere, dümmlich-kleinbürgerliche Spießigkeit, die ihre schlimmsten Allmachtsphantasien hemmungs- und rücksichtslos ausleben kann. Diese Kombination von Banalität und Extremismus spielt auch in Vermes‘ Buch eine wesentliche Rolle. Chaplin soll übrigens gesagt haben, er hätte den Film nicht gedreht, wenn der das Ausmaß der Nazi-Verbrechen damals schon gekannt hätte. Hitler hat den Film bekannntlich nicht gemocht. (Darf ich so einen Satz hier anbringen? Einen lauen Gag unter Verwendung von AH?)

Den nächsten Anlauf, Hitler auf der Leinwand zu verunglimpfen, unternahm schon 1942 Ernst Lubitsch mit „Sein oder Nichtsein“. Auch dieser Film entstand zu einer Zeit, als die Verbrechen der Nazis in ihrem Ausmaß und den Einzelheiten noch nicht allgemein bekannt waren. Als Mel Brooks 1983 ein Remake von „Sein oder Nichtsein“ drehte, fragte man bereits, inwieweit man noch Witze über die Nazis und ihre Greueltaten reißen könne. Kurz darauf jährte sich die Reichskristallnacht (auch bekannt als „sogenannte Reichskristallnacht“, sogenannte „sogenannte Reichskristallnacht“, oder Reichspogromnacht, im Ausland jedoch immer nur „Reichskristallnacht“) zum fünfzigsten Mal. Viele bemerkenswerte Veranstaltungen und Ausstellungen führten zu einer Debatte über Nazi-Verbrechen, wie sie in Deutschland lange gefehlt hatte. Ich wohnte zu der Zeit in München und war Stammgast bei den Veranstaltungen der „Literaturhandlung“ Rachel Salamanders, die mich stark beeinflusst hat. Dazu erschien eine Flut an Literatur. Erschütternde Originaldokumente und -Zeugnisse ebenso wie Sekundärliteratur unterschiedlichster Qualität, bis hin zu krankhaften Pseudo-Erinnerungen wie zum Beispiel Wilkomirskis „Bruchstücke“. David Grossmann hat in seinem Roman „Stichwort Liebe“ den Weißen Raum in der Gedenkstätte Yad Vashem erfunden: Autoren, die über den Holocaust schreiben wollen, müssen das in diesem Raum tun und dürfen ihn erst verlassen, wenn sie etwas Neues zum Thema beigetragen haben.

Mit dieser Vorrede habe ich nicht nur meine unerhörte Belesenheit und Allgemeinbildung gebührend herausgestellt, ich will den Leser auch darauf vorbereiten, dass ich in verkopfter Weise einen ziemlich hohen Maßstab an Vermes‘ Buch anzulegen gedenke.

Wie steht dieses Buch jetzt in der Reihe von Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte? Meine platte Antwort: gar nicht. Vermes setzt sich mit der Geschichte nicht auseinander. Er lässt Hitler im heutigen Deutschland herumspazieren, auf verschiedene Leute treffen und über moderne Politiker sowie dies und das lästern. Die Geschichte ist unterhaltsam geschrieben und Christoph Maria Herbst liest sie genial vor. Aber alle drolligen Begegnungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Vermes hier einen einzigen Grundgag auf immer neue Weise zu Tode reitet. Die heutigen Menschen begegnen Hitler, reagieren überrascht, versichern ihm, wie echt er aussehe und glauben ihm nicht, wenn er beteuert, wirklich Adolf Hitler zu heißen. Diese Situation kann man aber nicht literarisch auflösen, was am halbgaren Ende des Buches besonders deutlich wird. Mit welchem Paukenschlag soll man dem Publikum denn beweisen, dass diese Person wirklich der ist, dem sie so erstaunlich gleicht?

Was passiert zwischen den Buchdeckeln sonst noch? Hitler bemäkelt die Qualität des deutschen Frühstücksfernsehens und lästert über die politische Führungsriege insbesondere der FDP (keine Angst, ich spinne das Garn von Zeitreisen früherer oder jetziger FDPler in die oder aus der Vergangenheit bzw. Zukunft jetzt nicht fort, das interessiert doch gerade mal 2,7% der Deutschen. Klammer zu.) Dafür hätte man jetzt nicht den Gröfaz aus der Versenkung zu holen brauchen. Beim real existierenden Rechtsextremismus im heutigen Deutschland kneift Vermes. Es gibt zwar einen launigen Auftritt seiner Hauptfigur in der Parteizentrale der NPD, aber die braune Gefahr bleibt im Buch seltsam ausgeklammert. Auch bei den Worten, die Vermes Hitler in den Mund legt, achtet er säuberlich auf die Grenzen des guten Geschmacks und der politischen Korrektheit. Das muss man ihm zwar einerseits hoch anrechnen, es nimmt aber den anderen Romanfiguren die Chance, auf angemessene Weise zu reagieren. Sie lauschen überrascht und belustigt den drastischen Sprüchen, aber nie kommt es zu einer Situation, in der die Zuhörer im Roman, oder dessen Leser, ausrufen: „Jetzt reichts aber, das geht zu weit!“ Die Figuren erliegen teilweise dem kruden Charme dieses Hitlers, der virtuos auf der Klaviatur der elektronischen Medien spielt und dank Internet und Privatfernsehen am Ende des Buches davon träumt, wieder eine Massenbewegung zu organisieren, mit der er seine ursprünglichen Ziele vielleicht doch noch erreicht. Das ist am Ende der einzige Gedankenanstoß des Buches: welche Chance hätte ein größenwahnsinniger Diktator heute in Deutschland? Aber selbst diese Frage bleibt im abstrakten Irgendwo der irrealen Grundannahme des Romans hängen. Ich selbst bin Jahrgang 1960, also zu jung für einen (Alt-)68’er. Für mein belesenes, verkopftes Verständnis ist der Autor im „Weißen Raum“ unbeachtet verhungert. Mag sein, dass Leute, die noch jünger sind als ich (die soll es angeblich irgendwo geben), dem Buch einen neuen Zugang zu Hitler und dem Dritten Reich abgewinnen können, jenseits der vom Bildungssystem als politisch korrekt überlieferten Lesart. Mein persönlicher, ganz subjektiver Eindruck war zunächst zwiespältig, am Ende aber deutlich negativ. Das Buch ist auf banale Weise unterhaltsam. Das ist für sich genommen nichts Schlechtes. Es wird im intelektuellen Deutschland nur gern schlecht gemacht. Das Schlimmste, was man über einen ernsthaften deutschen Autor sagen kann, ist ja, man hätte sein Buch mit großem Vergnügen gelesen und sich präsidial amüsiert. (Königlich amüsieren sich nur die welschen Königsmörder). Womit ich mich einfach nicht anfreunden kann, ist die Idee von Hitler als komischer Figur für banale Belustigung. Das mag jetzt altmodisch, kleinlich und spießig sein, aber dazu stehe ich. Nächste Woche schreibe ich wieder über Sport.

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Manager und Triathlet
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