Challenge Roth – der Bericht (3)

Es wird ernst. Ich bin im Wasser, der Anzug sitzt, die Brille sitzt, die Badekappe sitzt. Vor mir die Startleine, rundherum ein Pulk Kollegen in unterschiedlichen Graden von Nervosität. Ich selber bin mir nicht sicher, wie nervös ich sein sollte. Aus Unsicherheit über meine Schwimmform und meine psychische Stärke am Start stelle ich mich extra weit hinten an und paddle dort auf der Stelle, bis der Startschuss fällt. Bewusst langsam setze ich mich in Bewegung, um nicht wieder in Schnappatmung mit nachfolgender Panik zu verfallen. Doch diese Taktik geht nicht auf – zur Abwechslung mit positivem Vorzeichen. Obwohl ich mich extra anstrenge, um langsam zu schwimmen, bin ich schon nach wenigen Metern kräftig am Überholen. Ich horche in mich hinein, höre nichts als Zuversicht und lege meine Zurückhaltung ab. Nach wenigen Minuten drängle ich mich von hinten in den dicksten Pulk meiner Startgruppe. Im Großen und Ganzen geht es trotz der Enge recht zivilisiert zur Sache. Das härteste Hindernis ist ein Brustschwimmer im Einteiler, den ich plötzlich vor mir habe (und der sich wacker zwischen den gummiüberzogenen Kraulern behauptet). Um seiner Beingrätsche auszuweichen, schiebe ich ein, zwei Nebenmänner zur Seite, gebe mit ein paar schnellen, kräftigen Zügen Gas und bin auch schon vorbei. Den nächsten Kilometer arbeite ich mich langsam durch die Gruppe nach vorn, wobei sich meine Zwischenspurt-Taktik bestens bewährt. Wenn ich merke, dass mir ein Kollege andauernd auf die Füße oder Schultern haut (oder ich ihm), ziehe ich kurz das Tempo an. Im trüben Kanalwasser fragt sich dann der andere perplex, wo denn nun dieser lästige Zeitgenosse (wahlweise: Wasserschatten) abgeblieben ist :-). Allmählich gibt es wieder mehr Platz. Kurz vor der Wendeboje erlege ich die erste andersfarbige Kappe. Nach der Wende kommt die längste Teilstrecke. Allmählich finde ich Leute mit passendem Tempo und hänge mich an den einen oder andern, bis wir wieder auseinanderdriften. Pünktlich bei Kilometer 2,4 zwickt die Wade, aber nicht schlimm. Kurz danach fängt die Brille an, Wasser zu fassen. Ich beschließe, dass der Tag noch lang ist und halte an, um sie auszuleeren. Danach presse ich sie aber zu heftig wieder aufs Gesicht und bekomme das linke Auge nicht mehr auf. Halte also nochmal an und rücke zurecht. Dabei schlucke ich Wasser, huste rum und ärgere mich. Das dauert aber nur wenige Sekunden, dann finde ich wieder meinen Rhythmus und ziehe weiter. Inzwischen tummeln sich um mich herum zwar Badekappen in drei Farben, aber allmählich zieht sich die Schwimmerei doch in die Länge. Endlich kommen wir am Start vorbei und steuern wieder auf die Brücke zu. Zu meiner Überraschung sehe ich kurz dahinter eine riesige rote Boje, auf die ich schnurstracks zuhalte. Zu meiner Enttäuschung sitzt neben der Boje ein wild gestikulierender Helfer im Kanu und weist mir den Weg zur nächsten Boje. Auch die habe ich bald umrundet und nehme Kurs auf den Schwimmausstieg. Freundliche Hände helfen mir auf die Füße und ich spule meine Wechselroutine ab: Brille nach oben schieben, Reißverschluss auf, Arme raus. Ich finde die richtige Gasse und suche den Baum, der mir als Markierung dient. Im Zockeltrab schnappe ich meinen Beutel und verschwinde im Zelt. Dort wartet schon die nächste Helferin, die meinen Krimskrams aus dem Beutel leert und beim Sortieren hilft. Ich streife den Neo komplett ab und stecke ihn in den Beutel, zwänge mich in mein Oberteil, schnalle die Uhr um und laufe weiter, während ich die Startnummer anlege. Auch das Rad finde ich auf Anhieb, setze Helm und Brille auf und laufe zur Aufstiegsstelle. Erst, als ich schon auf dem Rad sitze, schaue ich auf die Uhr. 8:35, ich bin begeistert! 1:15 bis 1:20 hatte ich für das Schwimmen eingeplant, jetzt sitze ich nach 1:10 schon auf dem Fahrrad! Das Schuhe-Anziehen beim Fahren klappt dann auch wie bei den Großen 🙂

Ich radle gemütlich los und mache erst mal Frühstück. Einen Riegel hatte ich in Stückchen auf das Oberrohr geklebt, den verleibe ich mir jetzt portionsweise ein. (Vor ein paar Jahren hatte ich das noch für absolut widerlich gehalten.) Aufpassen muss ich schon, denn bald geht es leicht bergab und das Tempo steigt. Nicht nur das: an der holprigen Kanalbrücke mit den Sprengschächten darf ich Slalom fahren zwischen all den Flaschen und Ausrüstungsteilen, die dort herumliegen. Ich versuche in der Folge, mich in einem nachhaltigen Tempo einzurichten. Auch auf dem Rad bin ich zunächst andauernd am Überholen. Manchmal komme ich auch einfach nicht mehr rechts rein, weil ich sonst schon wieder in  der Windschattenbox des Vordermenschen hängen würde. Richtig: Vordermensch! Nachdem ich eine gute Stunde nur unter Männlein unterwegs war, tauchen allmählich auch Frauen im Visier auf. Hinter Eckersmühlen beginnt dann der Kampf gegen den Wind, der den heutigen Radpart charakterisieren wird. Auf der langen Geraden von Heideck nach Greding bläst es von vorn, dass es eine wahre Freude ist. An einer Stelle fahre ich bergab auf dem kleinen Blatt! In Greding erwartet uns der Kalvarienberg. Hier registriere ich zum ersten Mal die begeisterten Zuschauer beiderseits der Straße, die uns nach oben jubeln. An der Verpflegungsstelle tausche ich die Flasche und schnappe mir zwei Gels. Dann kommt der harte Teil: nach dem steilen Anstieg folgen mehrere Wellen, die ein zügiges Fortkommen unmöglich machen. Auch die sind irgendwann überstanden und zur Belohnung gibt es eine rasante Abfahrt. 74 km/h registriert mein Garmin an dieser Stelle. Vor der ersten Haarnadelkurve bremse ich brutalstmöglich einen Kollegen aus, an dem ich gerade noch vorbeigerollt war. Er lässt sich vorschriftsmäßig zurückfallen und überholt mich dann ausgangs der Kurve wieder links. Kurz danach stelle ich ihn in der Ebene, entschuldige mich mit dem Hinweis auf meinen Schiss vor der Kurve und ziehe weiter.

Man rollt und rollt. Hilpoltstein kommt in Sicht. Am Ortsausgang von Hip wartet der Solarer Berg, von dem ich schon so viel gehört habe. Bei der Streckenbesichtigung fand ich den noch relativ unspektakulär. Ich bin gespannt, wie der heute aussieht. Ich biege um die Kurve, die Straße ist breit und die Zuschauer sind hinter Gittern in Sicherheit. Dann sehe ich die legendäre Stelle: hinter einem Torbogen enden die Gitter und die Zuschauer stehen auf der Straße, die steil ansteigt. Aus der Fahrerperspektive sieht man nur eine senkrechte Wand aus Menschenleibern. Ich halte todesmutig darauf zu und entdecke im letzten Moment eine schmale Gasse, die mitten hindurch führt. Da die Gasse in leichten Schlangenlinien verläuft, sehe ich immer nur wenige Meter des Weges, den ich hochfahre. Vor mir Arme, die sich in Wellen heben, um mich durch zu lassen. Unvermittelt packt mich die Euphorie des Moments und ich fühle, wie sich ein verzücktes Grinsen in meinem Gesicht festsetzt. Freund Mario wird mir später erzählen, ich hätte während des ganzen Anstiegs aus Leibeskräften gebrüllt.

Nach dem Solarer Berg folgt noch eine kleine Schleife, dann komme ich wieder am Start vorbei und gehe auf die zweite Runde. Der Wind hat gedreht. Von Heideck nach Greding komme ich dieses Mal besser voran, dafür habe ich auf den Wellen nach dem Kalvarienberg Wind von vorn und fahre bergauf auf dem Auflieger. Erschöpfung setzt ein. Ich freue mich inzwischen auf jeden weiteren Anstieg, weil ich mich da mal aufsetzen kann. Auch zur Nahrungsaufnahme muss ich jetzt Disziplin aufbringen, zu groß ist die Versuchung, einfach lustlos vor sich hin zu strampeln, ohne was zu essen. Ich ernähre mich überwiegend von Gels und halben Bananen, dazu reichlich Wasser. Im letzten Viertel der Radstrecke beginnen dann die Durchhänger. Ab und zu lasse ich rollen, dann trete ich wieder. Schließlich passiere ich die Abzweigung in Eckersmühlen. Zwei mal bin ich hier links abgebogen, jetzt darf ich nach rechts Richtung T2. Es geht wieder leicht abwärts und ich lasse rollen. Plötzlich kommt die Wechselzone in Sicht. Ich schlüpfe aus den Schuhen und rolle die letzen Meter zum Abstiegsbalken. Helfende Hände greifen mein Rad und ich biege barfuß um die Kurve Richtung Zelt.

Vor dem Zelt reicht mir ein Mädchen meinen Laufbeutel, den ihre Kollegin dann für mich ausleert und meine Schätze vor mir ausbreitet. Während ich noch meinen Krimskrams sortiere, reibt mir ein dritter Engel Sonnencreme auf die Schultern. Eigentlich müsste ich den Helferinnen und Helfern an jeder Kurve danken, aber dann würde dieser Bericht reichlich eintönig. Deshalb entbiete ich an dieser Stelle meinen Dank an alle Helfer vor und hinter den Kulissen, die das ganze Wochenende und darüber hinaus mit Begeisterung bei  der Sache waren – IHR SEID GROSSARTIG!

Nach dem Zelt lege ich einen Boxenstop ein, dann laufe ich los. Der erste Kilometer ist noch ganz entspannt (und viel zu schnell), doch dann holt mich ein langer Anstieg in die Realität zurück. Noch ein Stück durch den Wald, dann bin ich zum ersten Mal an der Lände. Nach dem Stimmungsnest im Gewerbegebiet biege ich links ab auf den Uferdamm, auf die erste der nervenzehrenden langen Geraden am Kanal. Ich verfalle in einen gemächlichen Trott, den ich durchzuhalten hoffe. Nach zehn Kilometern geht es runter vom Damm. Viel zu weit runter für meinen Geschmack.  Die Stimmungsnester in Schwanstetten nehme ich eher beiläufig wahr, dabei habe ich noch nicht einmal ein Drittel der Laufstrecke hinter mir. Der Rückweg hoch zum Uferdamm ist dann der erste Sargnagel. Ab hier wird jeder Kilometer länger als der vorherige. Der Weg zieht sich endlos und die Markierungen scheinen immer weiter auseinander zu stehen. Obwohl es mit gut 25 Grad nicht übermäßig heiß ist, fühle ich mich andauernd ausgetrocknet. Ich nehme mir die Zeit, an den Verpflegungsstellen reichlich zu trinken, aber 500 Meter weiter habe ich schon wieder einen trockenen Gaumen. Bei der Halbzeitmarke an der Lände bin ich körperlich am Ende. Die zweite Hälfte teilt sich zwar in überschaubare Teilstücke, aber auch diese dehnen sich gefühlt gegen unendlich. Nach einigen Kilometern biegen wir wieder vom Kanal ab und laufen durch Eckersmühlen. Ein weiterer Anstieg, den ich seltsamerweise zügig laufen kann, führt uns zur Kanalbrücke. Dort treffe ich Marco, der als Streckensprecher die Stimmung hoch hält. Er begrüßt mich mit high five und hat dann die bescheuerte Idee, mir auf den Bauch zu klatschen. Ich hätte ihm auf sein Mikro kotzen sollen für diesen Anschlag! Kurz darauf die letze Wende, ab hier geht es zurück. Leider nicht immer bergab. Als ich wieder am Kanal ankomme, lege ich mir die letzten Teilstücke gedanklich zurecht: noch gut drei Kilometer bis zur Lände, dann noch zwei mal drei Kilometer, dann bin ich am Ziel. Das Teufelchen auf meiner Schulter rechnet mir vor, wie lange ich dafür brauche, wenn ich ab jetzt nur noch gehe. Dabei gehe ich auch ohne diese Einflüsterung schon viel zu viel. An jeder Verpflegungsstelle lege ich eine kleine Pause ein. Ich muss aufpassen, meinen Magen nicht durch hemmungsloses Einwerfen des gesamten Nahrungsangebotes zu überfordern. Auch zwischen den Stationen lege ich immer öfter Gehpausen ein. Das Anlaufen danach wird jedes Mal härter, weil zusätzlich zu den strapazierten Muskeln inzwischen auch die Knie Unmut bezeigen. An der Lände treffe ich meine Frau, die sich schon Sorgen macht. Bis T2 war ich meinem Zeitplan leicht voraus gewesen, beim Laufen aber fiel ich dramatisch zurück. Leicht gaga mache ich mich auf die letzen Kilometer. Den Lauf durch die Innenstadt kann ich nicht mehr genießen. Die letzten drei Kilometer schleppe ich mich recht und schlecht dahin. Das Zielgelände fühlt sich auch deutlich länger an als es ist. Endlich bin ich auf dem roten Teppich. Die Euphorie setzt ein, ich laufe um die zwei letzten Kurven und gehe mit einem Aufschrei durchs Ziel.

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Über Günter

Manager und Triathlet
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