Challenge Roth – der Bericht (2)

Sonntag, 8. Juli 2012, 3:45 Uhr. Der östliche Landkreis Roth erwacht zu den Klängen der Internationale aus meinem Handy. (Gut, dass FJS das nicht mehr erleben musste!) Ich schlurfe ins Bad und werfe mir Wasser ins Gesicht. Dann inspiziere ich den Fressbeutel, den der freundliche Hotelwirt vom Postbauer-Heng an die Türklinke gehängt hat. Dass da jetzt kein Kaffee drin ist, kann ich dem armen Mann nicht wirklich vorwerfen. Dafür war das Hotel sonst ja ordentlich und der Wirt hilfsbereit und zuvorkommend. Noch etwas verschlafen mümmle ich mein Sportlerfrühstück. Die relativ späte Startgruppe (7:25) gibt mir die Gewissheit, dass auch das Vollkornbrot bis dahin verdaut und ausgeschieden ist. Pünktlich um 4:20 treffe ich mich mit Gabriel, der mich freundlicherweise im Auto mitnimmt. Danke, Gabriel!

Die ersten Kilometer fahren wir noch alleine durch die Morgendämmerung. Ich bin verdächtig entspannt, was mich beinahe beunruhigt. Ich habe nicht einmal mehr den Inhalt meiner Beutel kontrolliert! Fünf Jahre nach meiner ersten OD, jetzt auf meiner zweiten LD, fasse ich langsam Vertrauen in meine Routine in der unmittelbaren Vorbereitung. Auch die gesamte Vorbereitung, die im November begonnen hatte, war nicht schlecht verlaufen. Bei weitem nicht optimal, aber immerhin ausreichend, um zuversichtlich zu starten. Insgesamt hatte ich etliche Stunden mehr trainiert als vor meiner ersten LD 2010 in Frankfurt. Vor allem hatte ich diesmal einige Laufkilometer mehr in den Beinen, obwohl eine Verletzung vor zwei Monaten eine Pause erzwungen hatte. Beim Rad hatte ich das schlechteste Gefühl: teils wegen des Wetters, teils wegen beruflicher Termine, hatte ich weniger Radkilometer, insbesondere weniger lange Einheiten absolviert, als ich gern getan hätte. Schwimmen war lange gemischt verlaufen, aber in den Pfingstferien konnte ich einen schönen Block einlegen; auch war ich dieses Jahr regelmäßig im Freiwasser gewesen.

Als wir Richtung Heuberg abbiegen, wird der Verkehr langsam dichter. Kurz vor dem Kanal sehen wir dann die Prozession der Kollegen auf dem Weg zum Start – das Signal an die Ameisen im Bauch, in WK-Stimmung zu kommen! Einer der vielen freundlichen Polizisten weist uns in den Parkplatz ein. Rotarier (oder waren es Lions?) sammeln eine freiwillige Spende, die wir gern entrichten. Gabriel parkt und wir wandern mit unseren Beuteln in Richtung Startgelände. Wir verabschieden uns und wünschen uns gutes Gelingen, dann kümmert sich jeder um seinen Kram. Ich deponiere als Erstes meinen Radbeutel an seinem Platz zwischen Schwimmausstieg und Wechselzelt und präge mir den richtigen Laufweg dorthin ein: dritte Gasse von links. Dann munitioniere ich mein Rad auf. Fünf Gels werden mit Tesa auf das Oberrohr getackert. Eigentlich sollte man unterwegs genügend Futter bekommen, aber 17 km zwischen den Verpflegungsstellen sind mir zu weit, um alle 20 Minuten einen Imbiss einzuwerfen. Unterm Strich werde ich drei Gels mit in T2 schleppen, das finde ich vertretbar. Getränkemäßig fahre ich mit einer WC-Ente und einer Flasche zum Tauschen am Sattelrohr. Die fülle ich beide vor dem Start mit Apfelschorle auf. Unterwegs werde ich Wasser aufnehmen – die Iso-Plörre verträgt mein Magen nicht. Für den Mineralhaushalt nehme ich lieber Saltsticks aus dem Spender am Auflieger. Ansonsten ist mein Rad sparsam ausgerüstet, im Gegensatz zu manchem Schwerlastzug in der Wechselzone. Ein Schlauch, zwei Reifenheber und ein 4er-Imbus, in einer Schlauchtasche verpackt, stecken unterm Sattel, daneben eine Minipumpe. Gebraucht habe ich die zum Glück nicht. Meine Contis von der Felge zu wuchten ist schon zu Hause ein Kraftakt besonderer Art, im Wettkampf habe ich dazu keine Lust.

Das Rad steht bereit, jetzt heißt es abwarten. Ich erkunde nochmal das Gelände und gehe aufs Dixi. Rundherum herrscht inzwischen hektischer Betrieb. Mitten in dem Gewusel treffe ich Pascal, den ich von zu Hause kenne. Genau genommen trifft er mich. Unverhofft und begeistert begrüßt er mich und wir plauschen kurz miteinander. Pascal hat mal bei meinem LBS gearbeitet und startet noch für ihn. Zum Arbeiten hat er längst keine Zeit mehr. Pascal startet bei nahezu jedem Triathlon von MD aufwärts und wird hier in Roth Platz zwei in M50 machen.

Bei meiner Platzrunde entdecke ich auch ein einsames unfrequentiertes Klosett, das allerdings per Vorhängeschloss für die Kollegen von Bayern 3 reserviert ist. B3 berichtet nicht nur das ganze Wochenende über aus Roth, sondern hat auch zwei Staffeln am Start. Gemischte Staffeln. Gemischt nicht nur im Sinne von Männlein/Weiblein, sondern auch hinsichtlich der sportlichen Vorgeschichte. Neben bestleistungsverdächtigen Wiederholungstätern starten dort Kollegen, die auf der Weihnachtsfeier nicht aufgepasst haben, was sie unterschreiben 🙂 Unter den sportlich Vorbelasteten auch eine blinde Athletin, die auf dem Tandem ihrem Lenker gehörig einheizen wird.

Das B3-Klosett war zwar VIP-Bereich, dafür fand ich in der Nähe einen freien Wasserhahn, der mir noch gute Dienste leisten würde. Inzwischen war es 6 Uhr geworden, höchste Zeit für die ersten Starter, in die Puschen zu kommen. Der DJ wechselte allmählich von Schmuserock auf härtere Sachen und begann, die Starter und Zuschauer auf action einzustimmen. Ich suchte mir derweil ein Plätzchen in der Sonne und setzte mich gemütlich hin. Ein paar Meter neben mir half sich das Ehepaar Leder gegenseitig in den Anzug. Die aufgehende Sonne setzte die schwulen Heißluftballons (am anderen Ufer) ins rechte Licht (schulligung, der musste sein). Ein ferngesteuerter Mini-Blimp mit Kamera kämpfte mit heftigen Böen. Tiefenentspannt verfolgte ich den Kommentar über den Start der Profis. Dann begann auch ich, mich fein zu machen. Erst mal die Hose an. Dann reichlich Poposchmiere auftragen. Danach zum erwähnten Wasserhahn. Als nächstes kam der Neo dran. Mit Plastiktüte in die Beine rein – nanu, was schoppt sich hier? Ok, mit Tria-Hose in den Neo geht anders, als mit Badehose. Also die Hosenbeine entknotet und die Wursthaut passt wieder! Noch eine halbe Tube Vaseline um den Hals geschmiert, noch ein Abstecher zum Wasserhahn und schon schaut Günter aus wie ein richtiger Triathlet. Neo zu war das Signal an die Blase (nicht ganz unerwartet, man hat ja Erfahrung). Also nochmal halb raus aus der Gummihaut und ausleeren. Danach die große Verwirrung: die Ärmel sahen doch vorhin ganz anders aus? Nach fünf Minuten Grübeln die Erleuchtung: ich muss die Dinger wieder umdrehen, dann komme ich auch rein! Mit all diesen kurzweiligen Späßen war meine Startzeit allmählich näher gekommen. In einem Pulk gleichfarbiger Badekappen schob ich mich in Richtung Vorstartzone. Gerade rechtzeitig, um den ersten Schwimmern auf dem Weg ins Wechselzelt zuzujubeln. Dann drängelten wir auch schon um die Kurve. Die Gruppe vor uns stieg ins Wasser und schwamm Richtung Startlinie. Nach einer kurzen Pause schlurften auch wir gelb-bemützten über die Kontrollmatte. Einige Stufen führten uns in das mollig warme Wasser des Main-Donau-Kanals. Ich flutete großzügig meinen Anzug, zupfte ihn zurecht und schwamm geruhsam die knapp hundert Meter zum Start.

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Über Günter

Manager und Triathlet
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