Dirty Race 2012

Schon Tage vor dem Rennen zeichnete sich ab, dass dieses Dirty Race spektakulär würde. Bei Temperaturen knapp über null verwandelte ein Dauer-Nieselregen das Gelände in eine Schlammpiste. Noch vor einigen Wochen hatte ich gelästert, dass der Veranstalter nach dieser Trockenperiode wohl auf Kunstschlamm aus der Kanone würde zurückgreifen müssen. Da hatte ich mich gründlich verrechnet. Samstag kurz vor dem Start kündigte Achim Seiter an, dass diese Ausgabe die schmutzigste der 11-jährigen Renngeschichte wird.

Aber so weit war ich erst mal noch nicht. Erst mal musste ich meinen Champion Chip finden. Den hatte ich nach dem Sylvesterlauf zu gut aufgeräumt. Wir sind im Oktober umgezogen und im neuen Haus haben die Dinge noch nicht alle einen festen Platz. Vor allem das Wettkampfzubehör liegt großteils noch in Umzugskisten, schließlich steht im Winter nicht so viel an. Nachdem ich Haus, Garage und, weil ich schon mal dabei war, die Familie rund gemacht hatte, fand ich den Chip unten in der Sporttasche. Die nächste Herausforderung war der Radtransport. Kurz nach dem Umzug hatte ich ein neues Auto bekommen. Und der Dachträger aus dem Audi Originalzubehörprogramm passt natürlich nicht auf das Nachfolgemodell. Ich hatte mir zwar inzwischen einen Fremd-Träger zugelegt, stellte aber Samstag früh entnervt fest, dass mein Radhalter da nicht draufpasst! Also doch der Kupplungsträger. Der hatte zwar noch das Kennzeichen vom alten Auto, aber mit einem Kopierer und einer Klarsichthülle konnte ich den Teil nach „LB“ aktualisieren. Der Rest war schnell zusammen gepackt und zu Mittag war ich in Murr.

Dort herrschte unaufgeregte Rennatmosphäre und fast ideales Wetter. Zwar war von Sonne keine Rede, aber der Niederschlag hatte aufgehört und bei Windstille fühlten sich die drei Grad plus nach deutlich mehr an. Ich holte die Startunterlagen, klemmte die Kamera ans Rad und checkte ein. Die Karis hatten nach meiner Voranfrage an den Veranstalter extra im Reglement geblättert und nichts gefunden, was gegen das Mitführen einer Kamera sprach. Nach der Rennbesprechung zog ich mich um. Meine Garderobe für diese Verhältnisse sah so aus: Lange Lauftight, Funktions-Kurzarmhemd und darüber ein langes Lauf-Oberteil, auf dem Kopf die Radhaube und an den Händen nichts. Am Rad lag noch eine Goretex-Jacke und ein paar Handschuhe. Die Jacke kostete zwar ein paar Sekunden beim Wechsel, dafür war ich sowohl beim Laufen als auch beim Radeln ideal angezogen. Als besonderen Luxus hatte ich diesmal Schutzbleche am Rad. Meine Ausrede dafür war die Kamera, der ich keine Fangopackung verabreichen wollte. Unterm Strich kamen die Kotflügel aber vor allem mir zu Gute. Im Vergleich zu den ungeflügelten Teilnehmern sah ich hinterher wesentlich adretter aus und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass das Mehrgewicht oder die Aerodynamik mich behindert hätten.

Aber der Reihe nach. 15 Minuten vor dem Start lief ich mich eine Runde warm, erst mal gemütlich, dann ein paar kurze Sprints. Fünf Minuten vor halb suchte ich mir ein Plätzchen in der Startaufstellung der rund 200 Leute. Die richtige Position am Start ist in Murr bereits vorentscheidend, weil man auf dem ersten Kilometer wenig Platz zum Überholen hat. Aber wo ist „richtig“? Klar, auf den vordersten Metern drängeln sich die Favoriten, bei denen Ehrgeiz und Tempo gleich stark ausgeprägt sind. Aber dahinter? Ein lichter grauer Haarkranz kann genau so täuschen wie ein Testosteron-Ballon in buntem Lycra. Ich versuchte, die Fassade aus Posing und Understatement zu durchschauen und hatte ausnahmsweise Glück. Pünktlich um 13:30 fiel der Startschuss und nach den ersten hektischen Metern sortierte sich das Feld. Nach ein, zwei Überholmanövern hatte ich eine passende Gruppe gefunden und lief mit der in flottem Tempo die fünf Kilometer des ersten Laufsplits, für die ich 22 Minuten brauchte. Eingangs des Sportplatzes, auf dessen Laufbahn die Wechselzone ist, gab es einen Becher Tee. Beim Rad warf ich die Kamera an, fummelte mich in meine Jacke und düste los. Der erste Wiesenweg war noch gut fahrbar. Auch der steile Anstieg auf trockenem Asphalt ließ sich sauber hochkurbeln. Ich merkte allerdings, dass meine Radform hinter dem Vorjahr zurück blieb. Im Winter 2010/11 hatte ich deutlich mehr Kilometer auf dem MTB heruntergespult, auf Eis und Schnee. Diesen Winter war ich dafür mehr gelaufen, und Eis und Schnee gabe es bislang ohnehin nicht. Nach dem Anstieg ging es einige Zeit über befestigte Wege, bevor wir an die Schlüsselstelle kamen: eine Folge von Wiesenwegen, die bereits tief zerfurcht waren. Wir eierten wacker durch den Schlamm, als Murphy zuschlug: mein Vordermann blieb einen Moment stecken. Er konnte das ausbalancieren und fuhr weiter, ich dagegen durfte absteigen. Der Videobeweis zeigt allerdings, dass ich ihn überholte, bevor ich wieder aufstieg 🙂 Die Grasabfahrt kurz vor Ende der Runde war für mich ein Klacks, dank absenkbarer Sattelstütze. Auf dem asphaltierten Stück eingangs der zweiten Runde testete ich die Gangschaltung und klackerte vorn und hinten von rechts nach links und zurück. Trotz erheblicher Verschmutzung meldeten sich sämtliche Gänge zur Stelle und ich drückte weiter. Inzwischen war reichlich Platz. Ich war einige Positionen zurück gefallen, hatte aber wieder meinen Platz gefunden und traf immer wieder die selben Leute. Kurz vor der langen Asphaltabfahrt legte mich dann die Technik lahm. Die Kette lag plötzlich mit grausigem Knirschen diagonal über allen Blättern. Ein Versuch, sie mit dem Umwerfer gerade zu rücken, blockierte sie vollends. Ich stieg ab und schob die zehn Meter bis zur Straße. Dort holte ich ca. ein Kilo Schmodder vom Umwerfer und noch mal so viel unter der Gabelbrücke raus, bevor ich weiter fahren konnte. Der Rest der Runde verlief unspektakulär. Ich düste um die Kurve zum Sportplatz und sprang ab. Auf dem Weg zu meiner Parkbucht scheuchte ich noch den LKZ-Fotografen aus dem Weg, der gerade Kunst produzieren wollte. Mit Mühe rammte ich meine 2,50-Zöller in den engen Radständer, der eigentlich für Triathlon konstruiert ist, schälte mich aus der Jacke und rannte los. Am Ende des Sportplatzes gönnte ich mir noch eine Pause bei den netten Mädels von der Teeausgabe.

An dieser Stelle mein traditionelles DANKESCHÖN AN ALLE HELFER VOR UND HINTER DEN KULISSEN! Ihr habt mir einen wunderschönen Wettkampftag geschenkt!

Auf der zweiten Laufrunde ließ ich dann die Sau raus. Ich kam bald in einen zügigen Rhythmus und spulte die Kilometer flott herunter. Kurz vor der Kläranlage packte ich den leucht-orangenen Athleten von der Kiefer-Orthopädie Fuchs, zusammen mit einigen weiteren Konkurrenten. Der Warn-Orthopäde ließ sich aber nicht abschütteln. An der Steigung nach der Wende schlug er zurück. Ich fragte keuchend nach seinem Alter (Datenschutz, aber nicht M50). Ich bat ihn, mich wenigstens an den Grauschopf vor uns heran zu ziehen, was auch recht gut klappte, dann war der Fuchs davon. Ich war inzwischen im Endspurt-Modus. Was soll ich sagen? Rund 500 Meter vor dem Ziel hatte ich den Rotfuchs wieder vor der Flinte. Ich zog vorbei und das Tempo noch mal an. Im Ziel hatte ich dafür keine Luft mehr zum Schreien.

Die Ergebnisliste bestätigte meinen Eindruck: im zweiten Laufsplit hatte ich bei weitem die beste Teilleistung gebracht (82.) und mich etliche Plätze nach vorn gearbeitet. Am Ende landete ich mit 1:30:00 auf Platz 107. Im Ziel gabs noch Tee und dann eine schöne Dusche. Die Duschen beim Dirty Race gehören zu den Highlights der Veranstaltung. Die relativ geringe Teilnehmerzahl trägt auch dazu bei, dass genug Platz und warmes Wasser für alle da ist. Als besondere Belohnung bekam ich nachher noch extra leckere Muffins von der Vereinskollegin Sabine, für die ich mich hier nochmals artigst bedanke.

Zu hause durfte ich dann den kompletten Radsplit Revue passieren lassen, bei der ersten Sichtung des Videomaterials aus der Actioncam. Inzwischen habe ich das quick and dirty zusammengeschnitten und aus den 5o Minuten neun gemacht. Das Ergebnis gibts hier.

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Über Günter

Manager und Triathlet
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2 Antworten zu Dirty Race 2012

  1. jose schreibt:

    cooles video und noch besseres rennen – kompliment!

  2. Pingback: Clean Race | Modou Fall

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