Schizophrene Beziehungskisten

Schizophrenie ist ja das Schicksal des Triathleten. Mal ganz abgesehen von der Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn, welche die Einbettung unseres Hobbys zwischen Familien- und Berufsleben ständig erfordert, wechseln wir auch noch mehrmals täglich die Fronten im Bürgerkrieg auf Deutschlands Straßen. Wenn ich laufe, rege ich mich über Radler und Fußgänger auf, auf dem Rad nerven mich die Jogger und wehe, ich bin mal mit dem Auto unterwegs…

Heute war Lauftag angesagt, und der Rest der Welt hatte sich wieder mal gegen mich verschworen. Ach was, Rest der Welt, ich hab selber auch noch mitgemischt, und ich bin ein schrecklicher Gegner! Am Morgen hat mich ein besonders heimtückischer Fußgänger an der Ampel in ein Schwätzchen verwickelt. Dass ich beim Loslaufen die Uhr nicht gestartet habe, fiel mir erst fünf Minuten später auf, als diese sich piepsend in den Schlafmodus verabschiedete. Danach fiel mir der mp3-Player aus der Gürteltasche. Als alles Spielzeug wieder verstaut und die Uhr angeworfen war, lief es zunächst mal hübsch rund. Bis ich am Bäckersladen vorbei wollte. Ich gönn dem Bäcker ja sein Geschäft, aber muss die Kundschaft auf dem Gehsteig vor dem Laden parken, um 20 Meter Fußweg zu sparen? Ich hadere gerade mit mir, ob ich das folgende sexistische statement in die Weiten des Internets entlassen soll. (Und ich bin ein schrecklicher Gegner…) Aber jetzt hab ich das schon mal angedeutet. Wer A sagt, muss auch rschloch sagen. Ich behaupte jetzt einfach, um die niedrigsten Instinkte der (männlichen) Leser zu befriedigen, dass eine Mama ihr Karre quer über den Gehweg geparkt hatte und unter Zurücklassung ihres Sprösslings im Auto jetzt im Bäckersladen stand und vermutlich in memoriam Vicco von Bülow die Bäckereifachverkäuferin in ein reality-TV-taugliches Gespräch über Themen verwickelte, die ich mir gar nicht ausmalen mag. In meinem morgendlichen Übermut beschloss ich, den Kinderschreck zu spielen und lief nahezu ungebremst gegen die Beifahrertür des Autos. Auf die Steigerung, das Gesicht an die Scheibe zu quetschen und langsam nach unten zu rutschen, habe ich leider verzichtet. Muss morgen mal den Polizeibericht studieren, ob da was von hit-and-run runner vorkommt.

Spätnachmittags sollte es heim gehen. Ich lief erst mal zum Hohenecker Steg und beschloss dort spontan, die kleine Runde nach Alt-Hoheneck vorn dran zu hängen. Wenn man die kleine Runde vorn dran hängt, muss man nicht am Ende noch überlegen, ob man eine hinten dran hängen soll, das erleichtert die Endphase ungemein, wenn man ohnehin schon leicht gaga ist. Den mp3-player hatte ich mit einer Büroklammer fixiert und lief heute zum ersten Mal seit langem wieder mit Bedudelung, eine kühne Mischung aus Nikodem, miserablige Hundsbuam, Elvis und Tina Turner. Nach und nach warf ich auch die Beleuchtung an. Zuerst die roten Blinklichter hinten am Gürtel, später die Stirnlampe dazu. Die kleine Runde am Anfang hatte sich gelohnt, auf der Hartenecker Höhe hatte ich bereits gut 18 km hinter mir und konnte zusehen, zügig nach Hause zu kommen. Klappte auch alles ganz hervorragend, bis zur Kreuzung am Krankenhaus. Die ist brutal unübersichtlich. Und ich hatte das Hirn bereits auf standby, um Energie zu sparen. Nach rechts kann man gut kucken, da kam nix. Nach links kann man nicht kucken, da steht ein Haus direkt an der Ecke. Aber an der Straße zuvor war links auch keiner gekommen, als ich rechts keinen gesehen habe. Und ich war gerade so gut in Fahrt. Ich konnte dann trotzdem weit vor dem Auto anhalten. Und der Autofahrer hat mich auch gesehen und ist panisch in die Eisen gestiegen. Ich hab mich wild gestikulierend bei ihm bedankt und entschuldigt. So ein Autofahrer, der sich untypisch benimmt, kann einem die ganzen Vorurteile versauen 😉

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Über Günter

Manager und Triathlet
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