Jahreswechsel am offenen Fenster

der erste Tag ist beinahe rum und beinahe hätte ich schon gelogen…

Am 31. war ich noch mal laufen, 11,1 km beim Bietigheimer Sylvesterlauf. Christian und Volker holten mich um halb eins ab. Als wir kurz vor eins in Bietigheim ankamen, war der gute Aldi-Parkplatz leider schon voll. Allein das Umdrehen und Rausfahren kostete reichlich Zeit und Nerven. Wir fuhren dann gleich rüber zu Christina, parkten bei ihr vorm Haus und gingen zu Fuß durch die Altstadt zur Sporthalle. Christina, Christian und Volker starteten unter unserem alten Kampfnamen „2nd attempt“, ich hatte das zu spät mitbekommen und trat wahrheitsgemäß für den SV Ludwigsburg an. (Den tieferen Sinn von 2nd attempt kann ich hier aus rechtlichen Gründen nicht preis geben, ich hol das irgend wann mal nach, wenn sich keiner mehr an die wahre Geschichte erinnert.) Das leichte Nieseln war inzwischen zu einem echten Regen angewachsen. Die anderen knapp 3.500 Starter hatten die gleiche grandiose Idee wie wir und erschienen auf den letzten Drücker. In die Sporthalle rein zu kommen war unter diesen Umständen kein leichtes Unterfangen. Ich hatte mir zum Glück am Morgen schon meine Startnummer aufgeschrieben und konnte direkt zur Ausgabe drängeln, während sich die Kollegen noch vor den Listen stauten. Die Zeit wurde langsam knapp. Aus der Halle raus zu kommen dauerte noch mal deutlich länger als rein. Ich überließ die anderen drei ihrem Schicksal, ging mich umziehen und noch mal auf den Topf. Die Kleiderfrage war unter den Umständen nicht ganz einfach. Bei der Hose hatte ich keine wirkliche Auswahl: außer der Jeans hatte ich nur eine lange Lauftight mit. Obenrum entschied ich mich für das neue Langarm-Trikot von Tchibo, das ich am Morgen erst gekauft hatte, und ließ das Kurze drunter weg. Auch auf Stirnband und Handschuhe verzichtete ich wohlweislich, immerhin hatte Christians Auto eine Temperatur von 7° vermeldet. Ich hatte allerdings Angst, dass mich die dampfige Luft in der Umkleide zu euphorisch gestimmt haben könnte. Beim Rausgehen war mir auch gleich richtig kalt. Mit etwas Laufen gab sich das wieder. Ich lief erst mal gemütlich einige Minuten, um meinen wehleidigen Oberschenkeln keinen Vorwand zum Jammern zu geben. Danach würzte ich die Vorbereitung mit einigen Sprints. Ganz einfach war die Sache nicht, auf den Wegen rund ums Startgelände herrschte dichtes Gedrängel, zudem durfte man noch auf die Pfützen achten, um nicht schon mit nassen Socken am Start zu stehen. Ausnahmsweise beneidete ich die Reli-Jungs mit ihren Jesus-Shirts, die ich im Verdacht hatte, die Pfützen an der Oberfläche zu überqueren… Als ich kurz vor knapp Richtung Startblock zockelte, war es schon zu spät: vorne alles dicht, ich stellte mich also irgendwo in die Mitte von grün und warf die Uhr an. Vordrängeln war praktisch nicht möglich, der kollektive Ehrgeiz ließ sich da nicht überwinden. Ich war mir ohnehin nicht sicher, wie sportlich ich im Vergleich zu den anderen Leuten einzusortieren sei. Punkt zwei fiel der Startschuss. Nach wenigen Minuten begann es vor uns zu wackeln, dann setzte sich unser Block stop-and-go mäßig in Bewegung. Ab der Startmatte wurde richtig gelaufen, wenn auch für meinen Geschmack zu langsam. Ich drängelte mich durch, so gut es ging. Eine Steigung bei km 1 entzerrte das Feld ein ganz klein wenig. Kurz danach überholte ich eine Horde Höhlenmenschen im Fellkostüm, vollständig mit Keulen und Knochen in der Hand. Der Regen war inzwischen schwächer geworden, trotzdem wurde die Sicht immer schlechter. Irgendwann nahm ich die komplett beschlagene Brille in die Hand, um noch mit zu kriegen, vor wessen Füßen ich gerade herum stolperte. Dabei muss ich sagen, dass die Leute insgesamt sehr diszipliniert zu Gange waren. Die Strecke ist teilweise etwas schmal. Beim Belag ist vielerlei geboten: überwiegend Asphalt, aber auch Schotterwege und Pflaster aller Art. Dazu geht es an einigen Stellen rechtwinklig um die Kurve. Trotzdem habe ich in meinem Teil des Feldes (der mit ca. 4:30 min/km unterwegs war) keine Rempeleien erlebt. Man überholte fair und ließ die Leute auch vorbei, wenn man heißen Atem im Nacken spürte. Weil wir schon bei der Strecke sind: das Höhenprofil ist nicht ganz ohne, man darf gerade in der Innenstadt schön hoch laufen, dafür kann man dann durch die Fußgängerzone volles Rohr runter brettern. Dabei schön aufpassen, dass man nicht gegen ein Verkehrsschild oder eines der zahlreichen Kunstwerke brettert! Am Ende der Downhill-Passage wartet eine doppelte Herausforderung: Während eine Trommlergruppe in einer Tordurchfahrt die eigenen Trommelfelle wie auch die der Läufer aufs Äußerste strapaziert, darf man wieder mal bei Höchstgeschwindigkeit um eine rechte Ecke. Danach geht es noch ca. 500 Meter flach bis zum Ende der Runde. Insgesamt läuft man eine kleine und eine große Runde, d.h. nach zwei mal Trommeln ist man fast im Ziel.

Ich bildete mir ein, sportlich unterwegs zu sein. An den Steigungen quälte ich mich wacker hoch, runter erhöhte ich die Frequenz und im Flachen achtete ich auf effiziente Technik. Trotzdem überzog ich die 50 Minuten um 25 Sekunden. Nach dem Zieldurchlauf holte ich mir schnell zwei Becher Tee und sprintete weiter zur Umkleide, die bereits knackevoll war. Irgendwie schaffte ich es, zu duschen und mich um zu ziehen. Inzwischen war mir etwas flau im Magen, ich sah zu, wieder ins Freie zu kommen. Dort traf ich noch Frank aus der Firma, der das Jahr ebenfalls sportlich abgeschlossen hatte. (Bernd hat das in aller Stille im Wald bei Heilbronn erledigt). Durch dummes Rumstehen fand ich auch Christian und Christina wieder. Volker hatte sich inzwischen abgesetzt. Es nieselte immer noch wiederlich vor sich hin. Wir hatten keine Lust, noch rum zu hängen und gingen zurück zum Auto. Unterwegs beklatschten wir fleißig die letzten Nachzügler, die noch unterwegs waren, und bedankten und bei den Helfern, die bereits zusammen packten. Im Auto ging es mir noch blendend. Ich nervte Christian mit meiner Angeberei, wie locker ich mich heute fühlen würde. Erst zu hause kam das dicke Ende: zähneschlotternd verkroch ich mich ins Bett und schlief erst mal eine Stunde. Ich hatte eine leichte Erkältung tagelang mitgeschleppt, und durch das offene Fenster nach dem Lauf lud die ihre Kumpels zu einem Festmahl ein. Erst gegen Abend war ich wieder halbwegs auf den Beinen. Ich dachte zuerst schon, ich dürfte den Jahreswechsel mit Pfefferminztee begießen. Im Lauf des Abends fand ich jedoch zur gewohnten Form zurück. Beinahe hätte ich jetzt vermeldet, dass ich 2012 noch keinen Tropfen Alk angerührt hätte, aber das wäre gelogen gewesen – schließlich hat 2012 um Null Uhr begonnen, und da war ich noch gut dabei…

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Eine Antwort zu Jahreswechsel am offenen Fenster

  1. ironpaddi schreibt:

    War schon ein sehr ekliges Wetter in Bietigheim. War froh, als ich im Auto war und die warme Heizung auf Anschlag gestellt war. 😉

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