Wiesbaden – der Bericht

Raunheim, 14. August 2011, 4:20 morgens. Mein Telephon schmettert mit voller Lautstärke den Schlussrefrain der Internationale, Fassung für großes Orchester und Heldenchor. Zum Glück hat mich meine Uhr um 4:19 bereits angeweckt und ich kille das Telephon, bevor meine Zimmernachbarn den Verfassungsschutz rufen. Ich stelle mit Erleichterung fest, dass es nicht mehr regnet und schiebe ein frugales Frühstück ein: zwei Becher Birchermüsli aus dem Kühlregal und ein Rosinenbrötchen mit Honig. Danach warte ich ungeduldig auf den Morgenschiss, aber Ungeduld ist hier kontraproduktiv. Ich packe meinen restlichen Krempel in den Beutel, hole an der Rezeption mein Lunchpaket und checke aus. Vom Parkplatz beim Supermarkt nehme ich den Shuttlebus zum Schwimmstart des Ironman 70.3 Wiesbaden. Das ist für dieses Jahr mein Hauptwettkampf, das Ereignis, auf das hin ich mein körperliches Training und meine mentale Vorbereitung ausgerichtet habe.

In der Wechselzone ist es noch relativ ruhig. Ich bin in einer frühen Startgruppe, 20 Minuten nach den Profis und 10 Minuten nach den Amateur-Frauen, der Großteil der Teilnehmer hat also noch reichlich Zeit. Ich ziehe den Regenschutz vom Rad und bringe das letzte Zubehör an: Trinkflaschen mit dem guten Frucht-Tiger und den Tacho, den ich schon mal anwerfe; er wird automatisch starten, sobald ich das Rad bewege. Drei Gel-Päckchen habe ich schon am Vortag ans Oberrohr geklebt. Jetzt meldet auch der Darm Vollzug und ich stelle mich am Dixi an. Das ist sowieso standesgemäßer für den Triathleten von Welt als eine gepflegte Hoteltoilette. Außerdem trifft man in der Schlange immer Bekannte, zum Beispiel Verena aus Mainz, die letztes Jahr im gleichen Trainingslager war wie ich. Ich nutze die Privacy der Kabine, um noch Sitzcreme anzubringen. Luxus pur: dieses Klo aus der Executive-Serie von Dixi hat sogar ein Handwaschbecken!

Ich kontrolliere ein letztes Mal das Rad nebst Zubehör, dann gehe ich zum Schwimmstart am anderen Seeufer. Dort arbeite ich mich in meinen Neo hinein. Tip am Rande: statt der Nummer mit der Plastiktüte kann man auch einfach die Socken anlassen, um die Füße geschmeidig einzufädeln. Danach natürlich Socken aus, sonst gibts Stress mit den Kampfrichtern bzw. der Modepolizei! Noch eine halbe Tube Vaseline um den Halsausschnitt und fertig ist die Laube. Während sich die Profis für den Start fertig machen, gehe ich eine Runde schwimmen. Ich flute den Anzug großzügig mit Wasser (das angenehme 18 Grad misst), damit er sich besser anpasst und schwimme ein Stück auf den See hinaus. Auf dem Rückweg zum Ufer fühle ich die gefürchtete Beklemmung in mir aufsteigen. Beim Schwimmen mit Neoprenanzug habe ich oft ein eingeengtes Gefühl, das sich bis zur Panik steigern kann und mir schon ein DNF eingebracht hat. Mittlerweile habe ich aber genug Erfahrung, um die Situation in den Griff zu bekommen, auch dank Diskussionen in diversen Onlineforen. Durch simples Weiterschwimmen überwinde ich die kritische Phase. Die Profis sind inzwischen gestartet, die Frauen rücken aus der Vorstartzone nach an die Startlinie und die 175 Säcke der AK UHU sammeln sich im Vorstartbereich. Durch geschickte Fangfragen zum Musikgeschmack versuchen wir zu erkunden, wer in der eigenen AK und somit direkter Konkurrent ist. (Von einem 55er versägt zu werden ist zwar nicht wirklich prickelnd, aber es hat wenigstens keinen Einfluss auf die Ergebnisliste.) Endlich sind auch wir an der Reihe und werden per Landstart auf die Reise geschickt. Der Schwimmkurs über die 1.900 Meter ist zwar verzwickt und geht um sieben Ecken, dafür hat man überschaubare Teilstrecken vor sich. Die drei Bojen auf dem Foto gehören übrigens zu drei verschiedenen Streckenabschnitten:

Beim Start platziere ich mich links hinten und schwimme erst mal gemütlich los. Ich überhole gleich zu Anfang einen guten Teil des Feldes und suche mir dann einen Platz. Teilweise hänge ich mich hinter oder neben einen passenden Kollegen (ohne ihm all zu sehr auf die Füße zu hauen, versteht sich). Voriges Jahr hatte ich noch daran gearbeitet, schön weit nach vorn zu greifen, dieses Mal achte ich auch darauf, weit nach hinten durch zu ziehen. In ein paar Jahrzehnten kann ich dann vielleicht richtig schwimmen 🙂 Nach circa 2/3 der Strecke folgt ein kurzer Landgang. Ab hier haben wir schon einige Frauen in Sichtweite. Ich springe mit einem sportlichen Köpfer ins Wasser, nur um fünf Meter weiter anzuhalten und die Brille auszuleeren. Auf den lezten 500 Metern entwickle ich mal wieder eine eigene Vorstellung der Streckenführung und darf kurz vor dem Ausstieg noch 2 Meter zurück und zehn Meter nach links, bevor mir die Volunteers auf die Beine helfen. Ich bin so gut in Schwung, dass ich das Steilufer in nullkommanix oben bin und mache mich auf den langen Weg zur Wechselzone. Wenigstens hat man genug Zeit, um in aller Ruhe den Neo vom Oberkörper zu schälen. Die Profis und Frauen waren so nett und haben den losen Sand bereits gut fest getreten.

In T1 geht es erst mal in langen Schlangenlinien um die Wechselzelte herum zum Rad. Den Neo aus, die Füße mit Wasser aus einer Flasche abgespült, Oberteil, Brille, Helm und Startnummer an, dann laufe ich weiter zur Mount-line. Das mit dem Aufsteigen und dann erst Schuhe anziehen klappt schon recht gut. Die Straßen sind noch nass vom Regen der Nacht, aber zunächst kommt wenigstens nichts von oben. Ich fahre in sportlichem Tempo los und mache mich zunächst auf den Weg nach Wiesbaden. Es geht ständig irgendwie auf und ab, fast niemals eben. Zum Glück bin ich die Strecke vor einigen Wochen mit Torsten abgeradelt und weiß, was auf mich zukommt. Nochmal ein Dank an Torsten und seine Frau!

An manchen Stellen wirken eine leichte Steigung, leichter Gegenwind und Straßenbelag zusammen und erwecken den nervenden Eindruck, dass man mit einem Platten unterwegs sei. Als dann auch noch leichter Regen einsetzt, sinkt die Stimmung erst mal, aber der Regen hört bald wieder auf. Leider ist die Straße jetzt richtig nass. Auf den kurvigen Abfahrten im Wald bin ich so frei und bremse auch mal über längere Strecken. Der Favorit Kienle darf so was freilich nicht. Er ist nach dem dritten Sturz ausgestiegen. Nach vierzig Kilometern kommt die zweite Verpflegungsstelle, bevor es auf den berüchtigten Anstieg zum Jagdschloss Platte geht. Wir kurbeln rund sechs Kilometer mit 8-10% Steigung durch den Nebel. Dabei liefere ich mir ein persönliches Duell mit Gustav aus M55, der ein megageiles, verchromtes Softride fährt (dürft ihr selber googeln, das lohnt sich!). Bergab habe ich gegen ihn keine Chance, also versuche ich es bergauf. Leider ohne Erfolg. Zwar kann ich ihn überholen, aber er kontert und zieht stetig davon. Inzwischen wird es auch voll auf der Strecke. Während ich mich durch das Gros des Frauenfeldes nach vorn arbeite, kommen von hinten immer mehr Jungspunde vorbeigezogen. Es bleibt aber entspannt genug, um das Windschattenverbot einzuhalten. Überhaupt sind die Leute in meinem Abschnitt sehr diszipliniert und rücksichtsvoll. Und berittene Kampfrichter sind auch in ausreichender Anzahl unterwegs. Kurz hinter der Platte kommen mir schon die führenden Männer entgegen. Ich weiß noch nichts von Sebis Ausstieg und halte erfolglos Ausschau nach seinem weithin sichtbaren Helm in Hannes-Blau. Nach einer Runde durch den Taunus komme auch ich von hinten die Platte hoch und begegne dem einzigen Nasenbären des Tages. Kurz vor der Kuppe überholt er mich mit letzter Kraft und beginnt dann vor meinem Vorderrad ein Picknick. Ich will mich ja zurückfallen lassen, aber der Kerl kommt einfach nicht voran. Er holt eine Flasche raus, nuckelt ein bisschen dran rum, steckt sie wieder weg, nuckelt dann an der anderen Flasche, verstaut seinen Krempel wieder und so weiter und so fort. Während er sich noch die Nasenhaare onduliert, ziehe ich gnadenlos vorbei und stürze mich in die Abfahrt. 79,4 km/h zeichnet der Tacho als Vmax auf. Vor lauter Festhalten am Lenker habe ich gar keine Muße, mich am Anblick der Leute zu erfreuen, die dank später Startzeit gerade auf dem Weg nach oben sind. Dann geht es auch schon um die letzte Kurve, Schuhe aus, abspringen und rein in die Helferschar.

Während die Mutigen unter den Helfern fliegende Räder auf- und fliegende Radler abfangen, schreien die Aufpasser von der Seite: „STARTNUMMERN NACH VORN!“, damit die nächste Truppe schon die Wechselbeutel raussuchen kann, in die ihre Kollegen wenig später die Überreste der Radutensilien verpacken werden. An dieser Stelle bedanke ich mich traditionell bei den vielen Freiwilligen, die uns Helden der Landstraße mit Einsatzfreude und guter Laune unsere Abenteuer erst möglich machen. Das gilt für die Helfer an der Strecke, bei der Verpflegung, der Technik, aber auch für die Kampfrichter, Sanitäter, Polizei und Feuerwehr. Ich bitte um Nachsicht, falls ich wen vergessen habe. DANKE EUCH ALLEN!

Jetzt brauche ich nur noch 21,1 Kilometer zu laufen. Zu meiner Freude komme ich recht gut in die Gänge. Allerdings hat es in Wiesbaden auch die Laufstrecke in sich. Die tracks auf GarminConnect weisen 150 Meter Aufstieg aus! Auf der Laufstrecke kommen auch alle wieder zusammen. Gerade als ich in die erste Runde gehe, läuft Andi Böcherer als Sieger ins Ziel. Später habe ich die Ehre, von Yvonne van Vlerken überholt zu werden, die da schon einige Runden weiter ist als ich. Ich widerstehe der Versuchung, mit den Jungen mit zu laufen, die mich überholen, orientiere mich aber an ihrem Laufrhythmus und bekomme so ein bisschen von ihrem Tempo mit. Einen weiteren wichtigen Anreiz bietet mir Reiner mit seinem warnwestenorangen Top. Er sieht verdächtig nach M50 aus und läuft gegen Ende der ersten Runde knapp hundert Meter vor mir. Im ersten Teil der zweiten Runde arbeite ich mich langsam etwas heran. Der erste Teil geht aber bergauf und da habe ich schon Mühe. Ich stelle meine Verpflegungstaktik entsprechend ein und nehme an der ersten Labe ein Gel für die Energie und an der anderen reichlich Iso gegen Krämpfe. Im zweiten Teil der Runde gelingt es mir jeweils recht gut, die Beine mit hoher Frequenz locker rotieren zu lassen, und bald habe ich Reiner vor der Flinte. Ich überlege, ob ich taktieren und erst kurz vor Schluss überholen soll, merke aber, dass ich bergab genug Schwung habe, um ihn final ab zu hängen. Bei der Wende zur dritten Runde sehe ich, dass er bereits fünfzig Meter abgeschlagen ist. Ich bin auch schon schwer am Kämpfen. Die Steigungen rauben mir merklich Kraft. Mit geistiger Lockerheit schaffe ich es, den Körper trotzdem bei Laune zu halten – er wird es mir mit einem denkwürdigen Muskelkater heimzahlen. Schließlich ist es geschafft. Ich sammle mein viertes Rundenbändel und biege in den Zielkanal ein. Mit einem gewaltigen Schrei, der auf dem Zielphoto deutlich zu sehen ist, laufe ich über die Linie.

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Manager und Triathlet
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