Regensburg rockt

Sonntag früh kreuzte ich also am Dultplatz auf. Was das ist, habe ich ja gestern erklärt. Ich pumpte die Reifen auf und ging einchecken. Misstrauisch beäugte der Kari meine nagelneue Zipfelmütze, ob die Ohrenwärmer auch korrekt angehäkelt seien. Ich versicherte ihm, dass ich das Teil erst tags zuvor erworben und sorgsam behandelt hätte, worauf er meinte, das erkläre auch die strahlende Sauberkeit der Kopfbedeckung.

Mein Radplatz war leicht zu merken: die äußerste linke Reihe, genau an einer Entwässerungsrinne. Ich parkte das Merida und musste dann erst mal überlegen, wie ich den Helm jetzt am besten deponiere. Auf den Extensions fand er keinen Halt, da war die Bialetti im Weg. Aber genialerweise hat das Ei oben ein Loch zum Wasser reinkippen, damit kann man ihn auf dem Trinkrohr der Bialetti parken, so wie ich das immer mit dem Catlike Whisperlite gemacht habe. Oberkörpertechnisch wollte ich diesmal etwas Neues ausprobieren. Weil ich mich beim Schwimmen im Neo gern beengt fühle, habe ich die letzten zwei Jahre immer ein Oberteil mit durchgehendem Reißverschluss benutzt, das ich erst nach dem Schwimmen angezogen habe. Das neue Lätzchen, der zweite Neuerwerb vom Samstag, trägt aber deutlich weniger auf und ich beschloss, das Teil unterm Neo zu tragen. Mein Wechselplatz war also ungewöhnlich aufgeräumt. Der Lazer auf der Flasche, die Brille auf den Aufliegern, die Zoots neben dem Rad. Als Luxus ein Visor und zur Komplettierung zwei kleine Gästehandtücher: eins zum draufstellen, eins zum Füße abwischen. Die Schuhe natürlich eingeklickt.

Es war also alles präpariert, was ich nach dem Schwimmen noch brauchen würde und jede Menge Zeit. Ich schlenderte über die Messe und sah im letzten Stand an der Ecke Sonja Tajsich. Schüchtern bat ich um ein Foto, was sie gern erlaubte:

Entgegen meiner gestrigen Lüge bemerkten wir erst hinterher, wie gut wir farblich harmonierten. Dabei hatte ich Glück, Sonja wollte nämlich schon längst auf dem Rad sein, 200 km schrubben, aber ihr Mann war noch nicht da. Ich erzählte ihr unterdessen, wie es mich als alten Regensburger immer freut, wenn Regensburger Triathleten was zerreißen. Gemeinsam beschlossen wir, dass sie Kona rocken soll.

Mit derlei Kurzweil verging die Zeit und ich machte mich allmählich WK-fein, mit neckischen Klamotten und allerlei Salben und Ölen, mehr oder weniger diskret auf sichtbare oder dem Blick entzogene Körperpartien verteilt. Das dritte Gästehandtuch war danach höchst nützlich. Die WK-Besprechung brachte keine Überraschungen. Während die Sprinter langsam Richtung Start zogen, arbeitete ich mich in meinen Neo und ging dann ebenfalls zum Einstieg. Kaum war ich in der Gummipelle drin, kam natürlich die Sonne heraus! Nach fünf Minuten rannen die ersten Schweißtropfen über die eingezwängte Wampe, was ich gar nicht spaßig fand. Wir Olympier schauten uns den Start der Sprintdistanz an und rückten nach einer Weile ebenfalls ins Wasser nach. Ich fühlte mich recht wohl und schwamm einige Bahnen im Kanal hin und her. Das Oberteil bemerkte ich gar nicht, so schlank war das. Nach einer Weile sortierten sich die rund 350 Teilnehmer Richtung Startlinie. Jetzt wurde es kritisch. In Roth hatte ich mich anfangs ganz hinten angestellt und war nach dem Start sofort auf die Vorderleute aufgeschwommen. Diesmal war ich kühner und platzierte mich in der ersten Reihe – was mir aber nach 3,7 Sekunden unheimlich wurde und ich ich trat zurück ins 3. oder 4. Glied. Beim Startschuss ging es heftig zur Sache. Vor mir ein Gestrampel schwarzgummierter Beine, neben und hinter mir rudernde Arme, von denen einige auf mich niedergingen. Ich suchte mein Heil in der Flucht und drängelte mich zwischen zwei Vorderbeine, immer hoffend, dass die zu unterschiedlichen Leuten gehörten. Mit einigen energischen Zügen war ich durch, nur um vor dem gleichen Anblick zu stehen. Eine Zeit lang schwammen wir wie die Sardinen, wenn sich das Netz um sie herum zuzieht. Gerade, als sich der Haufen nach vielleicht 300 Metern ein wenig sortierte, kam die Panikattacke, nicht wirklich passend in diesem Gewimmel. Vor zwei Jahren hatte ich in so einer Situation aufgegeben. Vor einem Jahr hatte ich den Anfall auf dem Rücken treibend abgewartet, aber hier mitten in der Waschmaschine konnte ich das schlecht bringen. Die Erfahrung, meine eigene wie die von Leidensgenossen auf den einschlägigen Foren, hat mir gezeigt, dass dieses Gefühl, keine Luft zu bekommen, nach 1-2 Minuten von alleine wieder aufhört und dass auch keine echte Gefahr besteht. Ich zwang mich, ruhig weiter zu kraulen, wenn auch mit gebremster Schlagzahl. Ich konzentrierte mich auf die Atmung, weit aus und tief wieder ein. Tatsächlich war der Spuk nach einigen Dutzend Metern vorbei und ich widmete mich wieder voll der Vorwärtsbewegung. Recht bald kamen wir zur Wendeboje und machten uns auf den Rückweg. Hier erwischte ich auch wieder einen Pulk, den ich aber nicht mehr überholen konnte, also schwamm ich mit und hängte mich bald an diese, bald an jene Füße. Rechts von mir schwamm ein Kollege mit auffälligen roten Abnähern an den Schultern. Immer, wenn ich dachte, ich wäre ihn los, kam er erneut in Sichtweite. Mit solchen Spielchen vergingen auch die zweiten 750 Meter wie im Fluge. Am Ausstieg ging es eine steile Treppe hoch, dank zahlreichen Helfern kein Problem.

DANKE AN ALLE HELFER! IHR WART GROßARTIG!

Während ich noch am Reißverschluss fummelte, dachte ich mir, hier müsse bald die Wegstrecke mit dem groben Schotter kommen. Ein Blick nach unten zeigte mir, dass ich die schon hinter mir hatte, ohne groß was zu spüren! Der Wechsel am Rad ging flott von statten. Erst am Aufstieg hatte ich Probleme mit den Schuhen, die locker herumbaumelten. Ich muss wohl doch mal die Nummer mit dem Gummi probieren. Kurz nach der Oberpfalzbrücke ging es in das steilste Teilstück, den Schelmengraben mit 16%. Dank Kinderteller hinten und Seniorenteller vorne überhaupt kein Problem für mich :-) Wie entspannt ich oben ankam, hat www.sportfoto.ws festgehalten:

Die Perspektive trügt übrigens, wegen des Teleobjektivs: meine Muckis sind ebenso übertrieben wie die Wampe. Im weitern Verlauf des Radparts lernte ich meinen Helm schätzen. Ob er wirklich so viel bringt, wie der Hersteller sagt, kann ich nicht beurteilen. Aber er diszipliniert ungemein. Während ich früher den Kopf auch mal baumeln ließ, hielt ich ihn diesmal korrekt und gerade. Ist halt Kopfsache, der Triathlon!

Die Radstrecke ist für mich ein besonderer Höhepunkt des Tristar Regensburg. Sie ist technisch ebenso anspruchsvoll wie landschaftlich reizvoll. Bis auf die letzten Kilometer gibt es kaum ein ebenes Stück. In einer Liga mit Kraichgau und Heilbronn gehört sie für mich zu den schönsten Strecken in unserem Sport. Dass ein paar Zeitgenossen dachten, sie seien beim Mannschaftszeitfahren, gehört leider ebenfalls dazu. Immerhin waren reichlich Karis unterwegs. Zurück am Donauufer, in Richtung Wechselzone, schob ich noch ein zweites Frühstück ein – leider ging das halbe Gel daneben, ich muss noch Rad putzen. Am Ende der Radstrecke ein Kompromiss: mangels Genehmigung, die Schnellstraße über mehrere Stunden zu sperren, mussten wir Haken schlagend über eine Fußgängerbrücke und über einen gepflasterten Uferweg zur Wechselzone fahren. Durch diese ging es mit Schmackes durch und hinten raus auf die vier Runden Laufstrecke. Diese ist nicht ganz ohne. Erst mal geht es 50 Meter einen Schotterweg die Böschung runter, dann über eine gemähte Wiese, auf Steinpflaster unter der Steinernen Brücke durch, bevor man auf ziviles Geläuf kommt. Gegen Ende der Runde heißt es wieder Haken schlagen und an der Verpflegungsstelle vorbei, neben der Wechselzone vorbei und weiter in die nächste Runde. In diesem Rhythmus ging es weiter: rund 800 Meter durchs Gelände und dann wieder 1.700 Meter zügig dahin. Zwei Kollegen wurde ich nicht los. Einer hieß Edwin (oder hatte dem Edwin seine Hose an), der andere hieß vermutlich anders. Ich hielt das Tempo einigermaßen hoch. Gelegentliches Zwicken, mal im Oberschenkel, mal in der Wade, zeigte mir, dass ich an meinem Limit lief. Schließlich ging es in die vierte Runde. Gegen Ende der Wiese wusste ich, ab hier entspricht das der Entfernung von der Hartenecker Höhe bis nach hause, traditionell der Teil meiner Hausstrecke, auf der ich noch mal Gas gebe. Also Rücken gerade und Beine rotieren lassen. Der psychische Schub reichte tatsächlich, um noch an einigen Konkurrenten vorbei zu ziehen. Nach 2:17 irgendwas lief ich ins Ziel. Leider hat der Fotograf den Ton nicht richtig hinbekommen, aber sonst passt es.

Auch die Zielverpflegung in Regensburg kann man nur loben. Obst, Kuchen, Brezeln, Wurst- und Käsesemmeln, dazu Getränke aller Art, die Auswahl ist vorbildlich. Ich war als 78. noch genügend weit vorne, um ohne Gedrängel zugreifen zu können. Inzwischen war es ganz schön warm geworden und man suchte Schatten. Ich unterhielt mich noch kurz mit Thomas und Benedikt (Schöne Grüße!), dann machte ich mich etappenweise vom Acker. Ich ließ mir noch im Massagezelt die Beine durchkneten, dann ging ich 500 Meter rüber zum Duschen. Als ich zurück kam, hingen schon die Ergebnisse aus. Platz 6 in M50 war ganz in Ordnung, aber die Siegerehrung schwänzte ich trotzdem. Das schöne Wetter in Verbindung mit meinem Sport-BH hat übrigens für eine neckische Bräunung gesorgt.

Seit Montag faulenze ich. Heute habe ich die MTB-Saison eingeläutet, am Wochenende geht es mit Christian noch mal auf die Straße, dann steht erst mal Urlaub an. Wenn es von dort was zu berichten gibt, werde ich das natürlich tun!

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Finanzvorstand und Triathlet
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